III, q. 11 a. 2
Ob Christus dieses Wissen durch die Hinwendung zu den Phantasmen gebrauchen konnte?
Quaestio 11 · Vom eingeprägten oder eingegossenen Wissen der Seele Christi.
Einwand 1: Es scheint, dass die Seele Christi durch dieses Wissen nicht verstehen konnte, außer durch die Hinwendung zu Phantasmen, weil, wie in De Anima iii, 18, 31, 39 festgestellt wird, Phantasmen sich zur vernunftbegabten Seele des Menschen verhalten wie Farben zum Sehen. Aber die Sehkraft Christi konnte nicht aktuell werden außer durch die Hinwendung zu Farben. Also konnte seine vernunftbegabte Seele nichts verstehen außer durch die Hinwendung zu Phantasmen.
Einwand 2: Ferner ist die Seele Christi von derselben Natur wie die unsrige; andernfalls wäre Er nicht von derselben Spezies wie wir, entgegen dem, was der Apostel sagt (Phil 2,7): "... indem er den Menschen gleich geworden ist." Aber unsere Seele kann nicht verstehen außer durch die Hinwendung zu Phantasmen. Daher kann auch die Seele Christi nicht anders verstehen.
Einwand 3: Ferner sind dem Menschen die Sinne gegeben, um seinem Verstand zu helfen. Wenn also die Seele Christi ohne Hinwendung zu Phantasmen, die in den Sinnen entstehen, verstehen könnte, würde folgen, dass in der Seele Christi die Sinne nutzlos waren, was nicht angemessen ist. Also scheint es, dass die Seele Christi nur durch Hinwendung zu Phantasmen verstehen kann.
Dagegen spricht: Die Seele Christi wusste gewisse Dinge, die nicht durch die Sinne erkannt werden konnten, nämlich getrennte Substanzen. Also konnte sie ohne Hinwendung zu Phantasmen verstehen.
Ich antworte darauf: Im Zustand vor seinem Leiden war Christus zugleich Pilger und Schauender, wie deutlicher gezeigt werden wird (Quaestio [15], Artikel [10]). Besonders hatte Er die Bedingungen eines Pilgers von Seiten des Körpers, der leidensfähig war; aber die Bedingungen eines Schauenden hatte Er hauptsächlich von Seiten der Seele. Nun ist dies die Bedingung der Seele eines Schauenden, nämlich dass sie in keiner Weise ihrem Körper unterworfen oder von ihm abhängig ist, sondern ihn gänzlich beherrscht. Daher wird nach der Auferstehung Herrlichkeit von der Seele auf den Körper überfließen. Aber die Seele des Menschen auf Erden muss sich zu Phantasmen hinwenden, weil sie durch den Körper gefesselt und ihm gewissermaßen unterworfen und von ihm abhängig ist. Und daher können die Seligen sowohl vor als auch nach der Auferstehung ohne Hinwendung zu Phantasmen verstehen. Und dies muss von der Seele Christi gesagt werden, welche die Fähigkeiten eines Schauenden vollumfänglich besaß.
Antwort auf Einwand 1: Diese Ähnlichkeit, die der Philosoph behauptet, besteht nicht in Bezug auf alles. Denn es ist offenkundig, dass das Ziel der Sehkraft darin besteht, Farben zu erkennen; aber das Ziel der Verstandeskraft ist nicht, Phantasmen zu erkennen, sondern intelligible Spezies zu erkennen, die sie von und in Phantasmen erfasst, gemäß dem Zustand des gegenwärtigen Lebens. Daher besteht eine Ähnlichkeit in Bezug auf das, worauf beide Kräfte schauen, aber nicht in Bezug auf das, worin der Zustand beider Kräfte endet. Nun hindert nichts daran, dass ein Ding in verschiedenen Zuständen sein Ziel auf verschiedenen Wegen erreicht: obgleich es immer nur ein eigentliches Ziel eines Dinges gibt. Daher, obwohl das Gesicht nichts ohne Farbe erkennt, kann der Verstand dennoch in einem gewissen Zustand ohne Phantasmen erkennen, aber nicht ohne intelligible Spezies.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl die Seele Christi von derselben Natur war wie unsere Seelen, hatte sie doch einen Zustand, den unsere Seelen faktisch noch nicht haben, sondern nur in der Hoffnung, d.h. den Zustand der Schauung (status comprehensionis).
Antwort auf Einwand 3: Obwohl die Seele Christi ohne Hinwendung zu Phantasmen verstehen konnte, konnte sie doch auch durch Hinwendung zu Phantasmen verstehen. Daher waren die Sinne in ihr nicht nutzlos; zumal die Sinne dem Menschen nicht allein für die intellektuelle Erkenntnis gegeben sind, sondern für den Bedarf des animalischen Lebens.