III, q. 11 a. 1
Ob Christus durch dieses eingeprägte oder eingegossene Wissen alles wusste?
Quaestio 11 · Vom eingeprägten oder eingegossenen Wissen der Seele Christi.
Einwand 1: Es scheint, dass Christus durch dieses Wissen nicht alles wusste. Denn dieses Wissen ist Christus zur Vervollkommnung des leidenden Verstandes eingeprägt. Nun scheint der leidende Verstand der menschlichen Seele nicht schlechthin in Potenz zu allem zu sein, sondern nur zu jenen Dingen, bezüglich derer er durch den tätigen Verstand, der sein eigener Beweger ist, in den Akt überführt werden kann; und diese sind durch die natürliche Vernunft erkennbar. Also wusste Christus durch dieses Wissen nicht, was die natürliche Vernunft übersteigt.
Einwand 2: Ferner verhalten sich die Phantasmen zum menschlichen Verstand wie die Farben zum Sehen, wie es in De Anima iii, 18, 31, 39 heißt. Aber es gehört nicht zur Vollkommenheit der Sehkraft, das zu erkennen, was ohne Farbe ist. Also gehört es nicht zur Vollkommenheit des menschlichen Verstandes, Dinge zu erkennen, von denen es keine Phantasmen gibt, wie getrennte Substanzen. Da also dieses Wissen in Christus zur Vervollkommnung seiner vernunftbegabten Seele war, scheint es, dass Er durch dieses Wissen die getrennten Substanzen nicht erkannte.
Einwand 3: Ferner gehört es nicht zur Vollkommenheit des Verstandes, Einzeldinge zu erkennen. Daher scheint es, dass die Seele Christi durch dieses Wissen die Einzeldinge nicht erkannte.
Dagegen spricht: Es steht geschrieben (Jes 11,2), dass "der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Wissenschaft und des Rates ihn erfüllen wird" [*Vulg.: 'Der Geist des Herrn wird auf ihm ruhen, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates ... der Geist der Wissenschaft ... '; vgl. Sir 15,5], worunter alles enthalten ist, was gewusst werden kann; denn die Kenntnis aller göttlichen Dinge gehört zur Weisheit, die Kenntnis aller immateriellen Dinge zum Verstand, die Kenntnis aller Schlussfolgerungen zur Wissenschaft, die Kenntnis aller praktischen Dinge zum Rat. Also scheint es, dass Christus durch dieses Wissen die Kenntnis aller Dinge hatte.
Ich antworte darauf: Wie oben gesagt wurde (Quaestio [9], Artikel [1]), war es angemessen, dass die Seele Christi gänzlich vervollkommnet wurde, indem jede ihrer Kräfte in den Akt überführt wurde. Nun muss bedacht werden, dass in der menschlichen Seele, wie in jedem Geschöpf, eine doppelte passive Potenz ist: eine im Vergleich zu einem natürlichen Agens; die andere im Vergleich zum ersten Agens, welches jedes Geschöpf zu einem höheren Akt überführen kann, als es ein natürliches Agens vermag, und dies wird gewöhnlich die obedientielle Potenz eines Geschöpfes genannt. Nun wurden beide Potenzen der Seele Christi durch dieses göttlich eingeprägte Wissen in den Akt überführt. Und daher wusste die Seele Christi durch es: Erstens alles, was durch die Kraft des tätigen Verstandes des Menschen erkannt werden kann, z.B. alles, was zu den menschlichen Wissenschaften gehört; zweitens wusste Christus durch dieses Wissen alles, was dem Menschen durch göttliche Offenbarung bekannt gemacht wird, sei es, dass es zur Gabe der Weisheit oder zur Gabe der Prophetie oder zu irgendeiner anderen Gabe des Heiligen Geistes gehört; da die Seele Christi diese Dinge voller und vollkommener erkannte als andere. Doch das Wesen Gottes erkannte Er nicht durch dieses Wissen, sondern allein durch das erste, von dem wir oben sprachen (Quaestio [10]).
Antwort auf Einwand 1: Dieser Grund bezieht sich auf die natürliche Kraft einer vernunftbegabten Seele im Vergleich zu ihrem natürlichen Agens, welches der tätige Verstand ist.
Antwort auf Einwand 2: Die menschliche Seele im Zustand dieses Lebens kann, da sie gewissermaßen durch den Körper gefesselt ist, so dass sie nicht ohne Phantasmen verstehen kann, getrennte Substanzen nicht verstehen. Aber nach dem Zustand dieses Lebens wird die getrennte Seele fähig sein, in gewissem Maße getrennte Substanzen durch sich selbst zu erkennen, wie in der FP, Quaestio [89], Artikel [1], 2 gesagt wurde, und dies ist besonders klar in Bezug auf die Seelen der Seligen. Nun war Christus vor seinem Leiden nicht nur ein Pilger, sondern auch ein Schauender; daher konnte seine Seele getrennte Substanzen auf dieselbe Weise erkennen, wie eine getrennte Seele es könnte.
Antwort auf Einwand 3: Die Kenntnis der Einzeldinge gehört zur Vollkommenheit der vernunftbegabten Seele, nicht im spekulativen Wissen, sondern im praktischen Wissen, welches unvollkommen ist ohne die Kenntnis der Einzeldinge, in denen die Handlungen existieren, wie es in Ethic. vi, 7 heißt. Daher sind für die Klugheit die Erinnerung an Vergangenes, die Kenntnis des Gegenwärtigen und die Voraussicht des Zukünftigen erforderlich, wie Cicero sagt (De Invent. ii). Da also Christus die Fülle der Klugheit durch die Gabe des Rates hatte, wusste Er folglich alle Einzeldinge – vergangene, gegenwärtige und zukünftige.