Suppl., q. 80 a. 1
Ob alle Glieder des menschlichen Körpers auferstehen werden?
Quaestio 80 · Von der Unversehrtheit der Leiber bei der Auferstehung
Einwand 1: Es scheint, dass nicht alle Glieder des menschlichen Körpers auferstehen werden. Denn wenn das Ziel beseitigt ist, ist es nutzlos, die Mittel wiederherzustellen. Nun ist das Ziel eines jeden Gliedes seine Tätigkeit. Da also in den göttlichen Werken nichts Nutzloses geschieht und da der Gebrauch gewisser Glieder für den Menschen nach der Auferstehung nicht angemessen ist, besonders der Gebrauch der Zeugungsglieder, denn dann werden sie „weder heiraten noch verheiratet werden“ (Mt 22,30), scheint es, dass nicht alle Glieder auferstehen werden.
Einwand 2: Ferner sind die Eingeweide Glieder; und doch werden sie nicht auferstehen. Denn sie können weder gefüllt auferstehen, da sie so Unreinheiten enthalten, noch leer, da es in der Natur keine Leere gibt. Deshalb werden nicht alle Glieder auferstehen.
Einwand 3: Ferner soll der Körper auferstehen, damit er für die Werke belohnt werde, die die Seele durch ihn verrichtet hat. Nun kann das Glied, das einem Dieb wegen Diebstahls genommen wurde und der danach Buße getan hat und gerettet wird, bei der Auferstehung nicht belohnt werden: weder für eine gute Tat, da es an keiner mitgewirkt hat, noch für böse Taten, da die Bestrafung des Gliedes auf die Bestrafung des Menschen zurückfallen würde. Deshalb werden nicht alle Glieder auferstehen.
Dagegen spricht: Die anderen Glieder gehören mehr zur Wahrheit der menschlichen Natur als Haare und Nägel. Doch diese werden dem Menschen bei der Auferstehung wiedergegeben, gemäß dem Text (Sent. iv, D, 44). Viel mehr gilt dies also für die anderen Glieder.
Ferner heißt es: „Die Werke Gottes sind vollkommen“ (Dtn 32,4). Aber die Auferstehung wird ein Werk Gottes sein. Deshalb wird der Mensch in all seinen Gliedern vollkommen wiederhergestellt werden.
Ich antworte darauf: Wie in De Anima ii, 4 gesagt wird, „verhält sich die Seele zum Körper nicht nur als seine Form und sein Ziel, sondern auch als Wirkursache.“ Denn die Seele verhält sich zum Körper wie die Kunst zum Kunstwerk, wie der Philosoph sagt (De Anim. Gener. ii, 4), und was immer im Kunstprodukt explizit gezeigt wird, ist alles implizit und ursprünglich in der Kunst enthalten. In gleicher Weise ist alles, was in den Teilen des Körpers erscheint, ursprünglich und gewissermaßen implizit in der Seele enthalten. So wie also das Werk einer Kunst nicht vollkommen wäre, wenn seinem Produkt etwas von den Dingen fehlte, die in der Kunst enthalten sind, so könnte auch der Mensch nicht vollkommen sein, wenn nicht das Ganze, das in der Seele eingefaltet enthalten ist, im Körper nach außen hin entfaltet würde; noch würde der Körper der Seele in vollem Verhältnis entsprechen. Da es sich also bei der Auferstehung geziemt, dass der menschliche Körper der Seele gänzlich entspricht – denn er wird nicht auferstehen außer gemäß der Beziehung, die er zur vernünftigen Seele hat –, folgt daraus, dass auch der Mensch vollkommen auferstehen muss, da er dadurch wiederhergestellt wird, damit er seine letzte Vollkommenheit erlange. Folglich müssen alle Glieder, die jetzt im menschlichen Körper sind, bei der Auferstehung wiederhergestellt werden.
Antwort auf Einwand 1: Die Glieder können in zweifacher Weise in Bezug auf die Seele betrachtet werden: entweder gemäß der Beziehung von Materie zu Form oder gemäß der Beziehung von Instrument zu Agens, da „der ganze Körper sich zur ganzen Seele so verhält wie ein Teil zum anderen“ (De Anima ii, 1). Wenn also die Glieder im Licht der ersten Beziehung betrachtet werden, ist ihr Ziel nicht die Tätigkeit, sondern vielmehr das vollkommene Sein der Spezies, und dies ist auch nach der Auferstehung erforderlich. Wenn sie aber im Licht der zweiten Beziehung betrachtet werden, dann ist ihr Ziel die Tätigkeit. Und doch folgt daraus nicht, dass das Instrument nutzlos ist, wenn die Tätigkeit wegfällt, weil ein Instrument nicht nur dazu dient, die Tätigkeit des Agens auszuführen, sondern auch, dessen Kraft (virtus) zu zeigen. Daher wird es notwendig sein, dass die Kraft der Seelenvermögen in ihren körperlichen Instrumenten gezeigt wird, auch wenn sie niemals zur Handlung schreiten, damit die Weisheit Gottes dadurch verherrlicht werde.
Antwort auf Einwand 2: Die Eingeweide werden im Körper auferstehen, ebenso wie die anderen Glieder: und sie werden nicht mit üblen Überflüssen gefüllt sein, sondern mit guten Säften.
Antwort auf Einwand 3: Die Handlungen, durch die wir Verdienste erwerben, sind eigentlich nicht Handlungen der Hand oder des Fußes, sondern des ganzen Menschen; ebenso wie das Kunstwerk nicht dem Instrument, sondern dem Handwerker zugeschrieben wird. Obwohl also das Glied, das vor der Reue eines Mannes abgeschlagen wurde, nicht mit ihm in dem Zustand mitgewirkt hat, in dem er die Herrlichkeit verdient, so verdient doch der Mensch selbst, dass der ganze Mensch belohnt werde, der mit seinem ganzen Wesen Gott dient.