Suppl., q. 80 a. 2
Ob Haare und Nägel im menschlichen Körper auferstehen werden?
Quaestio 80 · Von der Unversehrtheit der Leiber bei der Auferstehung
Einwand 1: Es scheint, dass Haare und Nägel im menschlichen Körper nicht auferstehen werden. Denn so wie Haare und Nägel aus dem Überschuss der Nahrung entstehen, so auch Urin, Schweiß und andere Überflüsse oder Schlacken. Aber diese werden nicht mit dem Körper auferstehen. Deshalb auch nicht Haare und Nägel.
Einwand 2: Ferner kommt von allen Überflüssen, die aus der Nahrung erzeugt werden, der Samen der Wahrheit der menschlichen Natur am nächsten, da er, obwohl überflüssig, doch notwendig ist. Doch der Samen wird im menschlichen Körper nicht auferstehen. Viel weniger also Haare und Nägel.
Einwand 3: Ferner wird nichts durch eine vernünftige Seele vervollkommnet, was nicht durch eine sinnliche Seele vervollkommnet wird. Aber Haare und Nägel werden nicht durch eine sinnliche Seele vervollkommnet, denn „wir fühlen nicht mit ihnen“ (De Anima i, 5; iii, 13). Da also der menschliche Körper nur deshalb aufersteht, weil er von einer vernünftigen Seele vervollkommnet wird, scheint es, dass die Haare und Nägel nicht auferstehen werden.
Dagegen spricht: Es steht geschrieben (Lk 21,18): „Kein Haar von eurem Haupt wird verloren gehen.“
Ferner wurden Haare und Nägel dem Menschen als Zierde gegeben. Nun sollen die Körper der Menschen, besonders der Auserwählten, mit all ihrem Schmuck auferstehen. Deshalb sollen sie mit den Haaren auferstehen.
Ich antworte darauf: Die Seele verhält sich zum beseelten Körper wie die Kunst zum Kunstwerk und zu den Teilen des Körpers wie die Kunst zu ihren Instrumenten: weshalb ein beseelter Körper ein organischer Körper genannt wird. Nun verwendet die Kunst gewisse Instrumente zur Ausführung des beabsichtigten Werkes, und diese Instrumente gehören zur primären Intention der Kunst; und sie verwendet auch andere Instrumente zur Bewahrung der Hauptinstrumente, und diese gehören zur sekundären Intention der Kunst: so verwendet die Kriegskunst ein Schwert zum Kämpfen und eine Scheide zur Aufbewahrung des Schwertes. Und so sind unter den Teilen eines beseelten Körpers einige auf die Ausführung der Seelentätigkeiten ausgerichtet, zum Beispiel Herz, Leber, Hand, Fuß; während andere auf die Bewahrung der anderen Teile ausgerichtet sind, wie Blätter, um die Frucht zu bedecken; und so sind Haare und Nägel im Menschen zum Schutz anderer Teile. Folglich gehören sie, obwohl sie nicht zur primären Vollkommenheit des menschlichen Körpers gehören, zur sekundären Vollkommenheit: und da der Mensch mit allen Vollkommenheiten seiner Natur auferstehen wird, folgt daraus, dass Haare und Nägel in ihm auferstehen werden.
Antwort auf Einwand 1: Jene Überflüsse werden von der Natur ausgeschieden, da sie zu nichts nütze sind. Daher gehören sie nicht zur Vollkommenheit des menschlichen Körpers. Anders verhält es sich mit den Überflüssen, die die Natur zur Erzeugung von Haaren und Nägeln reserviert, welche sie zum Schutz der Glieder benötigt.
Antwort auf Einwand 2: Der Samen ist nicht für die Vollkommenheit des Individuums erforderlich, wie Haare und Nägel es sind, sondern nur für die Erhaltung der Spezies.
Antwort auf Einwand 3: Haare und Nägel werden genährt und wachsen, und so ist es klar, dass sie an einer Tätigkeit teilhaben, was nicht möglich wäre, wenn sie nicht Teile wären, die in irgendeiner Weise von der Seele vervollkommnet werden. Und da es im Menschen nur eine Seele gibt, nämlich die vernünftige Seele, ist es klar, dass sie von der vernünftigen Seele vervollkommnet werden, wenngleich nicht so weit, dass sie an der Tätigkeit der Sinne teilhaben, wie auch die Knochen nicht, und doch ist es sicher, dass diese auferstehen werden und dass sie zur Integrität des Individuums gehören.