Suppl., q. 35 a. 5
Ob der Character einer Weihe notwendigerweise den Character einer anderen Weihe voraussetzt?
Quaestio 35 · Von der Wirkung dieses Sakraments
Einwand 1: Es scheint, dass der Character einer Weihe notwendigerweise den Character einer anderen Weihe voraussetzt. Denn es gibt mehr Gemeinsames zwischen einer Weihe und einer anderen als zwischen der Weihe und einem anderen Sakrament. Aber der Weihecharakter setzt den Character eines anderen Sakraments voraus, nämlich der Taufe. Viel mehr also setzt der Character einer Weihe den Character einer anderen voraus.
Einwand 2: Ferner sind die Weihen Stufen einer Art. Nun kann niemand eine weitere Stufe erreichen, wenn er nicht zuerst die vorhergehende Stufe erklimmt. Also kann niemand den Character einer nachfolgenden Weihe empfangen, wenn er nicht zuerst die vorhergehende Weihe empfangen hat.
Dagegen spricht: Wenn etwas für ein Sakrament Notwendiges in diesem Sakrament unterlassen wird, muss das Sakrament wiederholt werden. Aber wenn jemand eine nachfolgende Weihe empfängt, ohne eine vorhergehende Weihe empfangen zu haben, wird er nicht erneut geweiht, sondern er empfängt, was fehlte, gemäß den kanonischen Satzungen (cap. Tuae literae, De clerico per salt. prom.). Also ist die vorhergehende Weihe für die folgende nicht notwendig.
Ich antworte darauf: Es ist für die höheren Weihen nicht notwendig, dass man die niederen Weihen empfangen hat, weil ihre jeweiligen Vollmachten verschieden sind und eine, in ihrem Wesen betrachtet, die andere nicht im selben Subjekt erfordert. Daher wurden selbst in der frühen Kirche einige zu Priestern geweiht, ohne zuvor die niederen Weihen empfangen zu haben, und doch konnten sie alles tun, was die niederen Weihen konnten, weil die niedere Gewalt in der höheren enthalten ist, so wie der Sinn im Verstand und das Herzogtum im Königtum. Später jedoch wurde durch die Gesetzgebung der Kirche entschieden, dass sich niemand zu den höheren Weihen präsentieren solle, der sich nicht zuvor in den niederen Ämtern gedemütigt habe. Und daher kommt es, dass gemäß den Kanones (cap. Tuae literae, De clerico per salt. prom.) jene, die ohne Empfang einer vorhergehenden Weihe geweiht werden, nicht erneut geweiht werden, sondern das empfangen, was ihnen von der vorhergehenden Weihe fehlte.
Antwort auf Einwand 1: Die Weihen haben hinsichtlich der spezifischen Ähnlichkeit mehr miteinander gemein als die Weihe mit der Taufe. Aber hinsichtlich des Verhältnisses von Kraft zu Handlung hat die Taufe mehr mit der Weihe gemein als eine Weihe mit der anderen, weil die Taufe dem Menschen die passive Kraft verleiht, Weihen zu empfangen, wohingegen eine niedere Weihe ihm nicht die passive Kraft gibt, höhere Weihen zu empfangen.
Antwort auf Einwand 2: Die Weihen sind nicht Stufen, die sich in einer Handlung oder in einer Bewegung verbinden, so dass es notwendig wäre, die letzte durch die erste zu erreichen; sondern sie sind wie Stufen, die in Dingen verschiedener Art bestehen, wie die Stufen zwischen Mensch und Engel, und es ist nicht notwendig, dass einer, der ein Engel ist, zuallererst ein Mensch sei. Solcher Art sind auch die Stufen zwischen dem Haupt und allen Gliedern des Leibes; noch ist es notwendig, dass das, was das Haupt ist, zuvor ein Fuß sei; und so verhält es sich im vorliegenden Fall.