Suppl., q. 35 a. 1
Ob im Sakrament der Weihe heiligmachende Gnade verliehen wird?
Quaestio 35 · Von der Wirkung dieses Sakraments
Einwand 1: Es scheint, dass im Sakrament der Weihe keine heiligmachende Gnade verliehen wird. Denn es ist allgemein anerkannt, dass das Sakrament der Weihe dazu bestimmt ist, dem Mangel der Unwissenheit entgegenzuwirken. Nun wird aber gegen die Unwissenheit nicht heiligmachende Gnade, sondern die umsonst gegebene Gnade (gratia gratis data) verliehen, denn die heiligmachende Gnade hat mehr mit dem Willen zu tun. Also wird im Sakrament der Weihe keine heiligmachende Gnade gegeben.
Einwand 2: Ferner impliziert die Weihe eine Unterscheidung. Nun werden die Glieder der Kirche nicht durch heiligmachende Gnade, sondern durch die umsonst gegebene Gnade unterschieden, von der es heißt (1 Kor 12,4): „Es gibt verschiedene Gnadengaben.“ Also wird in der Weihe keine heiligmachende Gnade gegeben.
Einwand 3: Ferner setzt keine Ursache ihre Wirkung voraus. Aber die Gnade wird bei demjenigen vorausgesetzt, der die Weihen empfängt, damit er würdig sei, sie zu empfangen. Also wird ebendiese Gnade nicht bei der Spendung der Weihe gegeben.
Dagegen spricht: Die Sakramente des Neuen Gesetzes bewirken, was sie bezeichnen. Nun bezeichnet die Weihe durch ihre Siebenzahl die sieben Gaben des Heiligen Geistes, wie im Text (Sent. iv, D, 24) dargelegt wird. Also werden in der Weihe die Gaben des Heiligen Geistes gegeben, die nicht ohne die heiligmachende Gnade sind.
Ferner ist die Weihe ein Sakrament des Neuen Gesetzes. Nun enthält die Definition eines solchen Sakramentes die Worte: „damit es eine Ursache der Gnade sei.“ Also bewirkt es Gnade im Empfänger.
Ich antworte darauf: Die Werke Gottes sind vollkommen (Dtn 32,4); und folglich empfängt jeder, der Macht von oben empfängt, auch jene Dinge, die ihn befähigen, diese Macht auszuüben. Dies ist auch bei den natürlichen Dingen der Fall, da die Tiere mit Gliedern versehen sind, durch welche die Kräfte ihrer Seele zu ihren jeweiligen Handlungen schreiten können, sofern kein Mangel seitens der Materie vorliegt. Nun ist die heiligmachende Gnade ebenso notwendig, damit der Mensch die Sakramente würdig empfange, wie damit er sie würdig spende. Daher wird wie in der Taufe, durch die ein Mensch geeignet gemacht wird, die anderen Sakramente zu empfangen, heiligmachende Gnade gegeben, so auch im Sakrament der Weihe, durch das der Mensch zur Spendung der anderen Sakramente bestellt wird.
Antwort auf Einwand 1: Die Weihe wird als Heilmittel gegeben, nicht für eine einzelne Person, sondern für die ganze Kirche. Wenn es daher heißt, sie werde gegeben, um der Unwissenheit entgegenzuwirken, so bedeutet dies nicht, dass durch den Empfang der Weihe die Unwissenheit aus dem Menschen vertrieben wird, sondern dass der Empfänger der Weihe in die Autorität eingesetzt wird, die Unwissenheit aus dem Volk zu vertreiben.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl die Gaben der heiligmachenden Gnade allen Gliedern der Kirche gemeinsam sind, kann ein Mensch dennoch nicht der würdige Empfänger jener Gaben sein, hinsichtlich derer die Glieder der Kirche voneinander unterschieden werden, wenn er nicht die Liebe (caritas) besitzt, und diese kann nicht ohne die heiligmachende Gnade sein.
Antwort auf Einwand 3: Die würdige Ausübung der Weihen erfordert nicht irgendeine Art von Güte, sondern eine hervorragende Güte, damit jene, die Weihen empfangen, so wie sie im Weihegrad über das Volk gesetzt sind, auch durch das Verdienst der Heiligkeit über ihm stehen mögen. Daher ist es erforderlich, dass sie die Gnade haben, die ausreicht, um sie zu würdigen Gliedern des Volkes Christi zu machen; wenn sie aber die Weihen empfangen, wird ihnen eine noch größere Gnadengabe zuteil, durch die sie zu Größerem befähigt werden.