Suppl., q. 35 a. 3
Ob der Weihecharakter den Taufcharakter voraussetzt?
Quaestio 35 · Von der Wirkung dieses Sakraments
Einwand 1: Es scheint, dass der Weihecharakter den Taufcharakter nicht voraussetzt. Denn der Weihecharakter macht einen Menschen zu einem Spender der Sakramente, während der Taufcharakter ihn zu einem Empfänger derselben macht. Nun setzt die aktive Kraft nicht notwendigerweise die passive Kraft voraus, denn sie kann ohne sie sein, wie in Gott. Also setzt der Weihecharakter nicht notwendigerweise den Taufcharakter voraus.
Einwand 2: Ferner kann es geschehen, dass ein Mensch nicht getauft ist und dennoch mit Wahrscheinlichkeit annimmt, er sei getauft worden. Wenn sich eine solche Person daher zu den Weihen präsentiert, wird sie den Weihecharakter nicht empfangen, vorausgesetzt, der Weihecharakter setzt den Taufcharakter voraus; und folglich wird alles, was er im Wege der Konsekration oder Absolution tut, ungültig sein, und die Kirche wird darin getäuscht werden, was unzulässig ist.
Dagegen spricht: Die Taufe ist die Tür der Sakramente. Da also die Weihe ein Sakrament ist, setzt sie die Taufe voraus.
Ich antworte darauf: Niemand kann empfangen, wozu er nicht die Kraft hat, es zu empfangen. Nun gibt der Taufcharakter dem Menschen die Kraft, die anderen Sakramente zu empfangen. Daher kann derjenige, der den Taufcharakter nicht hat, kein anderes Sakrament empfangen; und folglich setzt der Weihecharakter den Taufcharakter voraus.
Antwort auf Einwand 1: In einem, der aktive Kraft aus sich selbst hat, setzt die aktive Kraft nicht die passive voraus; aber in einem, der aktive Kraft von einem anderen hat, ist die passive Kraft, durch die er befähigt wird, die aktive Kraft zu empfangen, Vorbedingung für die aktive Kraft.
Antwort auf Einwand 2: Ein solcher Mann ist, wenn er zum Priestertum geweiht wird, kein Priester, und er kann weder konsekrieren noch im Bußgericht absolvieren. Daher muss er gemäß den Kanones getauft und erneut geweiht werden (Extra De Presbyt. non Bapt., cap. Si quis; cap. Veniens). Und selbst wenn er zum Episkopat erhoben würde, empfangen jene, die er weiht, die Weihe nicht. Doch darf fromm geglaubt werden, dass hinsichtlich der letzten Wirkungen der Sakramente der Hohepriester den Mangel ersetzen wird und dass Er nicht zulassen würde, dass dies so verborgen bliebe, dass es die Kirche gefährdet.