Suppl., q. 34 a. 1
Ob es in der Kirche einen Ordo geben soll?
Quaestio 34 · Vom Sakrament der Weihe hinsichtlich seines Wesens und seiner Teile.
Einwand 1: Es scheint, dass es in der Kirche keinen Ordo geben sollte. Denn der Ordo erfordert Unterwerfung und Vorrang. Unterwerfung aber scheint unvereinbar mit der Freiheit, zu der wir durch Christus berufen sind. Daher sollte es in der Kirche keinen Ordo geben.
Einwand 2: Ferner wird derjenige, der einen Ordo empfangen hat, der Vorgesetzte eines anderen. In der Kirche aber sollte sich jeder geringer achten als der andere (Phil 2,3): „Einer achte den anderen höher als sich selbst.“ Daher sollte der Ordo nicht in der Kirche sein.
Einwand 3: Ferner finden wir eine Ordnung unter den Engeln aufgrund ihrer Verschiedenheit in natürlichen und Gnadengaben. Alle Menschen aber sind eins in der Natur, und es ist nicht bekannt, wer die höheren Gnadengaben besitzt. Daher sollte es in der Kirche keinen Ordo geben.
Dagegen spricht, „Was von Gott ist, ist geordnet“ [*Vulgata: ‚Die (Gewalten), die sind, sind von Gott geordnet.‘]. Nun ist die Kirche von Gott, denn Er selbst hat sie mit Seinem Blut erbaut. Daher muss es in der Kirche einen Ordo geben.
Ferner steht der Zustand der Kirche zwischen dem Zustand der Natur und dem Zustand der Herrlichkeit. Nun finden wir in der Natur eine Ordnung, insofern einige Dinge über anderen stehen, und ebenso in der Herrlichkeit, wie bei den Engeln. Daher sollte es auch in der Kirche einen Ordo geben.
Ich antworte darauf, dass Gott seine Werke in Ähnlichkeit zu sich selbst hervorbringen wollte, soweit dies möglich ist, damit sie vollkommen seien und Er durch sie erkannt werde. Damit Er also in seinen Werken abgebildet werde, nicht nur gemäß dem, was Er in sich selbst ist, sondern auch gemäß dem, wie Er auf andere wirkt, legte Er allen Dingen dieses natürliche Gesetz auf, dass die letzten Dinge durch die mittleren und die mittleren durch die ersten zurückgeführt und vervollkommnet werden sollten, wie Dionysius sagt (De Eccl. Hier. v). Damit also diese Schönheit der Kirche nicht fehle, hat Er in ihr einen Ordo eingesetzt, sodass einige den anderen die Sakramente spenden und so auf ihre Weise Gott ähnlich werden, indem sie mit Gott zusammenwirken; so wie auch im natürlichen Leib einige Glieder auf andere einwirken.
Antwort auf Einwand 1: Die Unterwerfung der Sklaverei ist unvereinbar mit der Freiheit; denn Sklaverei besteht darin, über andere zu herrschen und sie zum eigenen Nutzen zu verwenden. Eine solche Unterwerfung ist im Ordo nicht gefordert, wodurch jene, die vorstehen, das Heil ihrer Untergebenen suchen müssen und nicht ihren eigenen Gewinn.
Antwort auf Einwand 2: Ein jeder sollte sich im Verdienst geringer achten, nicht im Amt; und die Weihegrade (ordines) sind eine Art Amt.
Antwort auf Einwand 3: Die Ordnung unter den Engeln entspringt nicht der Verschiedenheit der Natur, außer akzidentell, insofern bei ihnen aus der Verschiedenheit der Natur eine Verschiedenheit der Gnade resultiert. Bei ihnen resultiert sie jedoch direkt aus ihrer Verschiedenheit in der Gnade; weil ihre Ordnungen ihre Teilhabe an den göttlichen Dingen und deren Mitteilung im Zustand der Herrlichkeit betreffen, was gemäß dem Maß der Gnade geschieht, da dies sozusagen das Ziel und die Wirkung der Gnade ist. Hingegen betreffen die Ordnungen der streitenden Kirche die Teilhabe an den Sakramenten und deren Mitteilung, welche die Ursache der Gnade sind und der Gnade in gewisser Weise vorausgehen; und folglich erfordern unsere Ordnungen nicht die heiligmachende Gnade, sondern nur die Vollmacht, die Sakramente zu spenden; aus diesem Grund entspricht der Ordo nicht der Verschiedenheit der heiligmachenden Gnade, sondern der Verschiedenheit der Vollmacht.