Suppl., q. 32 a. 6
Ob die zu salbenden Teile passend bestimmt sind?
Quaestio 32 · Wem dieses Sakrament gespendet werden soll und an welchem Körperteil.
Einwand 1: Es scheint, dass diese Teile unpassend bestimmt sind, nämlich dass die Augen, die Nase, die Ohren, die Lippen, die Hände und die Füße gesalbt werden sollen. Denn ein weiser Arzt heilt die Krankheit in ihrer Wurzel. Nun kommen "aus dem Herzen Gedanken hervor... die den Menschen verunreinigen" (Mt 15,19.20). Daher sollte die Brust gesalbt werden.
Einwand 2: Ferner ist Reinheit des Geistes für jene, die aus diesem Leben scheiden, nicht weniger notwendig als für jene, die darin eintreten. Nun werden jene, die eintreten, vom Priester mit Chrisam auf dem Haupt gesalbt, um Reinheit des Geistes zu bezeichnen. Daher sollten in diesem Sakrament jene, die scheiden, auf dem Haupt gesalbt werden.
Einwand 3: Ferner sollte das Heilmittel dort angewendet werden, wo die Krankheit am heftigsten ist. Nun ist die geistige Krankheit bei Männern am heftigsten in den Lenden und bei Frauen im Nabel, gemäß Hiob 40,11: "Seine Kraft ist in seinen Lenden und seine Stärke im Nabel seines Bauches", wie Gregor die Stelle auslegt (Moral. xxxii, 11). Daher sollten diese Teile gesalbt werden.
Einwand 4: Ferner werden Sünden mit anderen Körperteilen begangen, nicht weniger als mit den Füßen. Daher, so wie die Füße gesalbt werden, sollten auch andere Glieder des Körpers gesalbt werden.
Ich antworte darauf: Die Prinzipien des Sündigens sind in uns dieselben wie die Prinzipien des Handelns, denn eine Sünde ist eine Handlung. Nun gibt es in uns drei Prinzipien des Handelns; das erste ist das lenkende Prinzip, nämlich das Erkenntnisvermögen; das zweite ist das befehlende Prinzip, nämlich das Begehrungsvermögen; das dritte ist das ausführende Prinzip, nämlich das Bewegungsvermögen.
Nun hat all unser Wissen seinen Ursprung in den Sinnen. Und da das Heilmittel für die Sünde dort angewendet werden sollte, wo die Sünde in uns zuerst entsteht, werden aus diesem Grund die Orte der fünf Sinne gesalbt: die Augen nämlich wegen des Sehens, die Ohren wegen des Hörens, die Nasenlöcher wegen des Geruchs, der Mund wegen des Geschmacks, die Hände wegen des Tastsinns, der in den Fingerspitzen am schärfsten ist (an manchen Orten werden auch die Lenden wegen des Begehrens gesalbt), und die Füße werden gesalbt wegen des Bewegungsvermögens, dessen Hauptwerkzeug sie sind. Und da das Erkenntnisvermögen das erste Prinzip menschlicher Tätigkeit ist, wird die Salbung der fünf Sinne von allen beobachtet, als wesentlich für das Sakrament. Aber manche beobachten die anderen Salbungen nicht – manche salben auch die Füße, aber nicht die Lenden –, weil das Begehrungs- und das Bewegungsvermögen sekundäre Prinzipien sind.
Antwort auf Einwand 1: Kein Gedanke entsteht im Herzen ohne einen Akt der Einbildungskraft, welche eine Bewegung ist, die von der Sinneswahrnehmung ausgeht (De Anima ii). Daher ist die primäre Wurzel des Gedankens nicht das Herz, sondern die Sinnesorgane, außer insofern das Herz ein Prinzip des ganzen Körpers ist, wenn auch ein entferntes Prinzip.
Antwort auf Einwand 2: Jene, die eintreten, müssen Reinheit des Geistes empfangen, wohingegen jene, die scheiden, den Geist reinigen müssen. Daher müssen letztere an jenen Teilen gesalbt werden, hinsichtlich derer die Reinheit des Geistes befleckt werden kann.
Antwort auf Einwand 3: Manche pflegen die Lenden zu salben, weil sie der Hauptsitz des begehrenden Appetits sind: jedoch ist, wie oben dargelegt, das Begehrungsvermögen nicht die primäre Wurzel.
Antwort auf Einwand 4: Die körperlichen Organe, die Werkzeuge der Sünde sind, sind die Füße, Hände und Zunge, welche alle gesalbt werden, und die Zeugungsorgane, die zu salben unziemlich wäre, wegen ihrer Unreinheit und aus Ehrfurcht vor dem Sakrament.