Suppl., q. 19 a. 4
Ob heilige Männer, die keine Priester sind, die Schlüssel haben?
Quaestio 19 · Vom Diener der Schlüssel
Einwand 1: Es scheint, dass heilige Männer, auch jene, die keine Priester sind, den Gebrauch der Schlüssel haben. Denn Lösen und Binden, welche die Wirkungen der Schlüssel sind, beziehen ihre Wirksamkeit aus dem Verdienst des Leidens Christi. Nun sind jene dem Leiden Christi am meisten gleichgestaltet, die Christus nachfolgen, indem sie in Geduld und anderen Tugenden leiden. Daher scheint es, dass sie, auch wenn sie nicht den priesterlichen Ordo haben, binden und lösen können.
Einwand 2: Ferner steht geschrieben (Hebr 7,7): „Ohne jeden Widerspruch wird das Geringere vom Größeren [Vulg.: ‚Besseren‘] gesegnet.“ Nun bedeutet „in geistlichen Dingen“, gemäß Augustinus (De Trin. vi, 8), „besser zu sein, größer zu sein.“ Daher können jene, die besser sind, d.h. die mehr Liebe haben, andere segnen, indem sie sie absolvieren. Daher folgt dieselbe Schlussfolgerung.
Dagegen spricht: „Das Handeln gehört zu dem, der das Vermögen hat“, wie der Philosoph sagt (De Somno et Vigil. i). Aber der Schlüssel, der eine geistliche Gewalt ist, gehört allein den Priestern. Also sind allein die Priester befugt, den Gebrauch der Schlüssel zu haben.
Ich antworte darauf: Es besteht dieser Unterschied zwischen einem Hauptwirkenden und einem instrumentellen Wirkenden, dass letzterer in der Wirkung nicht sein eigenes Abbild hervorbringt, sondern das Abbild des Hauptwirkenden, wohingegen der Hauptwirkende sein eigenes Abbild hervorbringt. Folglich wird ein Ding zum Hauptwirkenden dadurch, dass es eine Form hat, die es in einem anderen reproduzieren kann, wohingegen ein instrumenteller Wirkender nicht so beschaffen ist, sondern dadurch, dass er vom Hauptwirkenden angewandt wird, um eine gewisse Wirkung hervorzubringen. Da also im Akt der Schlüssel der Hauptwirkende durch Autorität Christus als Gott ist, und durch Verdienst Christus als Mensch,* folgt daraus, dass Er aufgrund der Fülle der göttlichen Güte in Ihm und der Vollkommenheit Seiner Gnade befugt ist, den Akt der Schlüssel auszuüben. [*Für die spätere Lehre des hl. Thomas zu diesem Punkt vgl. TP, Frage [48], Artikel [6]; FS, Frage [112], Artikel [1], ad 1]. Aber ein anderer Mensch ist nicht befugt, diesen Akt als Hauptwirkender auszuüben, da er weder einem anderen Menschen Gnade geben kann, wodurch Sünden erlassen werden, noch ausreichend verdienen kann, so dass er nichts weiter als ein instrumenteller Wirkender ist. Folglich wird der Empfänger der Wirkung der Schlüssel nicht demjenigen angeglichen, der die Schlüssel gebraucht, sondern Christus. Daher kann ein Mensch, egal wie viel Gnade er haben mag, die Wirkung der Schlüssel nicht hervorbringen, es sei denn, er ist zu diesem Zweck durch den Empfang der Weihe bestellt.
Antwort auf Einwand 1: So wie zwischen Werkzeug und Wirkung eine Notwendigkeit oder Ähnlichkeit besteht, nicht einer ähnlichen Form, sondern der Eignung im Werkzeug für die Wirkung, so verhält es sich auch in Bezug auf das Werkzeug und den Hauptwirkenden. Ersteres ist die Ähnlichkeit zwischen heiligen Männern und dem leidenden Christus, und dies verleiht ihnen nicht den Gebrauch der Schlüssel.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl ein bloßer Mensch für einen anderen Menschen Gnade nicht verdienstlich (de condigno) verdienen kann, kann doch das Verdienst eines Menschen zum Heil eines anderen mitwirken. Daher gibt es einen zweifachen Segen. Einer geht von einem bloßen Menschen aus, der durch seinen eigenen Akt verdient: dieser Segen kann von jeder heiligen Person gespendet werden, in der Christus durch seine Gnade wohnt, insofern sie an Güte die Person übertrifft, die sie segnet. Der andere Segen ist, wenn ein Mensch segnet, indem er einen Segen instrumentell durch das Verdienst Christi anwendet, und dies erfordert Vorrang des Ordo und nicht der Tugend.