II-II, q. 66 a. 9
Ob Diebstahl eine schwerere Sünde ist als Raub?
Quaestio 66 · Vom Diebstahl und Raub
Einwand 1: Es scheint, dass Diebstahl eine schwerere Sünde ist als Raub. Denn Diebstahl fügt dem Nehmen fremden Eigentums Betrug und Hinterlist hinzu: und diese Dinge finden sich nicht beim Raub. Nun sind Betrug und Hinterlist an sich sündhaft, wie oben dargelegt (Quaestio 55, Artikel 4 und 5). Also ist Diebstahl eine schwerere Sünde als Raub.
Einwand 2: Ferner ist Scham Furcht vor einer bösen Tat, wie in Ethic. iv, 9 dargelegt. Nun schämen sich Menschen mehr des Diebstahls als des Raubes. Also ist Diebstahl böser als Raub.
Einwand 3: Ferner scheint eine Sünde umso schwerer zu sein, je mehr Personen sie verletzt. Nun können die Großen und die Niedrigen durch Diebstahl verletzt werden: wohingegen nur die Schwachen durch Raub verletzt werden können, da es möglich ist, Gewalt gegen sie anzuwenden. Also scheint die Sünde des Diebstahls schwerer zu sein als die Sünde des Raubes.
Dagegen spricht, dass Raub nach den Gesetzen strenger bestraft wird als Diebstahl.
Ich antworte darauf, dass Raub und Diebstahl sündhaft sind, wie oben dargelegt (Artikel 4 und 6), aufgrund der Unfreiwilligkeit seitens der Person, der etwas genommen wird: doch so, dass beim Diebstahl die Unfreiwilligkeit auf Unwissenheit zurückzuführen ist, wohingegen sie beim Raub auf Gewalt zurückzuführen ist. Nun ist eine Sache durch Gewalt unfreiwilliger als durch Unwissenheit, weil Gewalt dem Willen direkter entgegengesetzt ist als Unwissenheit. Deshalb ist Raub eine schwerere Sünde als Diebstahl. Es gibt auch einen anderen Grund, da Raub einer Person nicht nur einen Verlust an ihren Dingen zufügt, sondern auch zur Schmach und Verletzung ihrer Person beiträgt, und dies ist von schwererer Bedeutung als Betrug oder Hinterlist, die zum Diebstahl gehören. Daher ist die Antwort auf den ersten Einwand offensichtlich.
Antwort auf den 2. Einwand: Menschen, die an sinnlichen Dingen hängen, denken mehr an äußere Stärke, die sich im Raub zeigt, als an innere Tugend, die durch Sünde verwirkt wird: weshalb sie sich des Raubes weniger schämen als des Diebstahls.
Antwort auf den 3. Einwand: Obwohl mehr Personen durch Diebstahl verletzt werden können als durch Raub, können doch durch Raub schwerere Verletzungen zugefügt werden als durch Diebstahl: aus welchem Grund Raub auch verabscheuungswürdiger ist.