II-II, q. 64 a. 4
Ob es Klerikern erlaubt ist, Übeltäter zu töten?
Quaestio 64 · Vom Mord
Einwand 1: Es scheint Klerikern erlaubt zu sein, Übeltäter zu töten. Denn besonders Kleriker sollten das Gebot des Apostels erfüllen (1 Kor 4,16): "Seid meine Nachahmer, wie auch ich Christi bin", wodurch wir aufgerufen sind, Gott und seine Heiligen nachzuahmen. Nun tötet eben der Gott, den wir verehren, Übeltäter, gemäß Ps 135,10: "Der Ägypten schlug mit ihren Erstgeborenen." Auch ließ Mose die Leviten dreiundzwanzigtausend Mann wegen der Anbetung des Kalbes töten (Ex 32), der Priester Pinhas tötete den Israeliten, der zu der Frau aus Midian ging (Num 25), Samuel tötete Agag, den König von Amalek (1 Sam 15), Elija tötete die Priester des Baal (1 Kön 18), Mattathias tötete den Mann, der zum Altar ging, um zu opfern (1 Makk 2); und im Neuen Testament tötete Petrus Hananias und Saphira (Apg 5). Daher scheint es, dass auch Kleriker Übeltäter töten dürfen.
Einwand 2: Ferner ist die geistliche Gewalt größer als die weltliche und Gott mehr vereint. Nun tötet die weltliche Gewalt als "Gottes Dienerin" rechtmäßig Übeltäter, gemäß Röm 13,4. Viel mehr dürfen daher Kleriker, die Gottes Diener sind und geistliche Gewalt haben, Übeltäter töten.
Einwand 3: Ferner darf jeder, der rechtmäßig ein Amt annimmt, die Funktionen dieses Amtes rechtmäßig ausüben. Nun gehört es zum fürstlichen Amt, Übeltäter zu töten, wie oben gesagt (Artikel 3). Daher dürfen jene Kleriker, die irdische Fürsten sind, rechtmäßig Übeltäter töten.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (1 Tim 3,2.3): "Es geziemt sich... dass ein Bischof ohne Tadel sei... nicht dem Wein ergeben, kein Schläger."
Ich antworte darauf: Es ist Klerikern aus zwei Gründen unerlaubt zu töten. Erstens, weil sie für den Dienst am Altar auserwählt sind, auf dem das Leiden des getöteten Christus dargestellt wird, "der, als er geschlagen wurde, nicht zurückschlug" (1 Petr 2,23). Daher geziemt es sich nicht für Kleriker zu schlagen oder zu töten: denn Diener sollten ihren Herrn nachahmen, gemäß Sir 10,2: "Wie der Richter des Volkes ist, so sind auch seine Diener." Der andere Grund ist, weil den Klerikern der Dienst des Neuen Gesetzes anvertraut ist, worin keine Todesstrafe oder körperliche Verstümmelung festgesetzt ist: weshalb sie sich solcher Dinge enthalten sollten, damit sie passende Diener des Neuen Testaments seien.
Antwort auf Einwand 1: Gott wirkt in allen Dingen ausnahmslos das, was recht ist, doch in jedem Ding gemäß seiner Art. Deshalb sollte jeder Gott in dem nachahmen, was ihm besonders geziemt. Daher folgt, obwohl Gott Übeltäter auch körperlich tötet, nicht daraus, dass alle Ihn darin nachahmen sollten. Was Petrus betrifft, so tötete er Hananias und Saphira nicht aus eigener Autorität oder mit eigener Hand, sondern verkündete ihr von Gott ausgesprochenes Todesurteil. Die Priester oder Leviten des Alten Testaments waren die Diener des Alten Gesetzes, das körperliche Strafen festsetzte, so dass es für sie passend war, mit eigenen Händen zu töten.
Antwort auf Einwand 2: Der Dienst der Kleriker befasst sich mit besseren Dingen als mit körperlichen Tötungen, nämlich mit Dingen, die das geistliche Wohl betreffen, und so ist es nicht passend für sie, sich in geringere Angelegenheiten einzumischen.
Antwort auf Einwand 3: Kirchliche Prälaten nehmen das Amt irdischer Fürsten an, nicht damit sie selbst die Todesstrafe verhängen, sondern damit diese durch andere kraft ihrer Autorität vollstreckt werde.