II-II, q. 53 a. 5
Ob die Unbeständigkeit ein unter der Unklugheit enthaltenes Laster ist?
Quaestio 53 · Von der Unklugheit
Einwand 1: Es scheint, dass die Unbeständigkeit (inconstantia) kein unter der Unklugheit enthaltenes Laster ist. Denn die Unbeständigkeit besteht anscheinend in einem Mangel an Beharrlichkeit in schwierigen Dingen. Aber die Beharrlichkeit in schwierigen Dingen gehört zur Tapferkeit. Also ist die Unbeständigkeit eher der Tapferkeit als der Klugheit entgegengesetzt.
Einwand 2: Ferner steht geschrieben (Jak 3,16): „Wo Eifersucht [Vulgata: ‚Neid‘] und Streit sind, da sind Unbeständigkeit und jedes böse Werk.“ Aber Eifersucht gehört zum Neid. Also gehört die Unbeständigkeit nicht zur Unklugheit, sondern zum Neid.
Einwand 3: Ferner scheint ein Mensch unbeständig zu sein, der nicht in dem verharrt, was er sich vorgenommen hat zu tun. Nun ist dies ein Zeichen von „Unbeherrschtheit“ in lustvollen Dingen und von „Verweichlichung“ oder „Zimperlichkeit“ in unangenehmen Dingen, gemäß Ethic. vii, 1. Also gehört die Unbeständigkeit nicht zur Unklugheit.
Dagegen spricht, dass es zur Klugheit gehört, das größere Gut dem geringeren vorzuziehen. Also gehört es zur Unklugheit, das größere Gut zu verlassen. Dies nun ist Unbeständigkeit. Also gehört die Unbeständigkeit zur Unklugheit.
Ich antworte darauf, dass Unbeständigkeit das Zurückweichen von einem bestimmten guten Vorsatz bezeichnet. Nun liegt der Ursprung dieses Zurückweichens im Begehrungsvermögen, denn ein Mensch weicht nicht von einem früheren guten Vorsatz ab, außer weil ihm etwas ungeordnet gefällt: noch wird dieses Zurückweichen vollendet außer durch einen Defekt der Vernunft, die sich täuschen lässt, indem sie verwirft, was sie zuvor zu Recht angenommen hatte. Und da sie dem Impuls der Leidenschaften widerstehen kann, ist es, wenn sie dies nicht tut, auf ihre eigene Schwäche zurückzuführen, nicht zu dem guten Vorsatz zu stehen, den sie gefasst hat; daher ist die Unbeständigkeit, was ihre Vollendung betrifft, auf einen Defekt in der Vernunft zurückzuführen. Nun gehört so wie alle Richtigkeit der praktischen Vernunft in gewissem Maße zur Klugheit, so auch jeder Mangel an dieser Richtigkeit zur Unklugheit. Folglich gehört die Unbeständigkeit, was ihre Vollendung betrifft, zur Unklugheit. Und so wie die Übereilung auf einen Defekt im Akt der Beratung zurückzuführen ist und die Unbedachtsamkeit auf einen Defekt im Akt des Urteils, so entsteht die Unbeständigkeit aus einem Defekt im Akt des Befehls. Denn ein Mensch wird als unbeständig bezeichnet, weil seine Vernunft versagt, das zu befehlen, was beraten und beurteilt wurde.
Antwort auf Einwand 1: Das Gut der Klugheit wird von allen moralischen Tugenden geteilt, und dementsprechend gehört die Beharrlichkeit im Guten zu allen moralischen Tugenden, hauptsächlich jedoch zur Tapferkeit, die einen größeren Impuls zum Gegenteil erleidet.
Antwort auf Einwand 2: Neid und Zorn, welche die Quelle des Streits sind, verursachen Unbeständigkeit seitens des Begehrungsvermögens, welchem Vermögen der Ursprung der Unbeständigkeit zuzuschreiben ist, wie oben gesagt wurde.
Antwort auf Einwand 3: Enthaltsamkeit und Beharrlichkeit scheinen nicht im Begehrungsvermögen, sondern in der Vernunft zu sein. Denn der enthaltsame Mensch erleidet böse Begierden, und der beharrliche Mensch erleidet schwere Sorgen (was auf einen Defekt im Begehrungsvermögen hinweist); aber die Vernunft bleibt standhaft, beim enthaltsamen Menschen gegen die Begierde und beim beharrlichen Menschen gegen die Sorge. Daher scheinen Enthaltsamkeit und Beharrlichkeit Arten der Beständigkeit zu sein, welche zur Vernunft gehört; und zu diesem Vermögen gehört auch die Unbeständigkeit.