II-II, q. 53 a. 6
Ob die vorgenannten Laster aus der Unkeuschheit entstehen?
Quaestio 53 · Von der Unklugheit
Einwand 1: Es scheint, dass die vorgenannten Laster nicht aus der Unkeuschheit (luxuria) entstehen. Denn die Unbeständigkeit entsteht aus dem Neid, wie oben gesagt wurde (Artikel [5], zu 2). Aber der Neid ist ein von der Unkeuschheit verschiedenes Laster.
Einwand 2: Ferner steht geschrieben (Jak 1,8): „Ein Mann mit zwei Seelen ist unbeständig auf allen seinen Wegen.“ Nun scheint die Falschheit (duplicitas) nicht zur Unkeuschheit zu gehören, sondern eher zur Tücke, welche eine Tochter des Geizes ist, gemäß Gregor (Moral. xxxi, 45). Also entstehen die vorgenannten Laster nicht aus der Unkeuschheit.
Einwand 3: Ferner sind die vorgenannten Laster mit einem Defekt der Vernunft verbunden. Nun sind geistige Laster der Vernunft verwandter als fleischliche Laster. Also entstehen die vorgenannten Laster eher aus geistigen Lastern als aus fleischlichen Lastern.
Dagegen spricht, dass Gregor erklärt (Moral. xxxi, 45), dass die vorgenannten Laster aus der Unkeuschheit entstehen.
Ich antworte darauf, dass, wie der Philosoph feststellt (Ethic. vi, 5), „die Lust vor allem die Einschätzung der Klugheit verdirbt“, und hauptsächlich die sexuelle Lust, die den Geist absorbiert und ihn zum sinnlichen Genuss zieht. Nun besteht die Vollkommenheit der Klugheit und jeder intellektuellen Tugend in der Abstraktion von sinnlichen Objekten. Da also die vorgenannten Laster einen Defekt der Klugheit und der praktischen Vernunft beinhalten, wie oben gesagt wurde (Artikel [2], 5), folgt daraus, dass sie hauptsächlich aus der Unkeuschheit entstehen.
Antwort auf Einwand 1: Neid und Zorn verursachen Unbeständigkeit, indem sie die Vernunft zu etwas anderem wegziehen; wohingegen die Unkeuschheit Unbeständigkeit verursacht, indem sie das Urteil der Vernunft gänzlich zerstört. Daher sagt der Philosoph (Ethic. vii, 6), dass „der Mensch, der durch Zorn unbeherrscht ist, auf die Vernunft hört, doch nicht vollkommen, wohingegen derjenige, der durch Unkeuschheit unbeherrscht ist, überhaupt nicht auf sie hört.“
Antwort auf Einwand 2: Auch die Falschheit (duplicitas) ist etwas, das aus der Unkeuschheit resultiert, ebenso wie die Unbeständigkeit, wenn wir unter Falschheit das Schwanken des Geistes von einer Sache zur anderen verstehen. Daher sagt Terenz (Eunuch. Akt 1, Sz. 1), dass „Liebe zum Krieg führt, und ebenso zu Frieden und Waffenstillstand.“
Antwort auf Einwand 3: Fleischliche Laster zerstören das Urteil der Vernunft umso mehr, als sie uns von der Vernunft wegführen.