II-II, q. 45 a. 6
Ob die siebte Seligpreisung der Gabe der Weisheit entspricht?
Quaestio 45 · Von der Gabe der Weisheit
Einwand 1: Es scheint, dass die siebte Seligpreisung nicht der Gabe der Weisheit entspricht. Denn die siebte Seligpreisung lautet: „Selig die Friedensstifter, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.“ Nun gehören diese beiden Dinge zur Liebe [Caritas]: denn vom Frieden steht geschrieben (Ps 118,165): „Viel Frieden haben die, die dein Gesetz lieben“, und, wie der Apostel sagt (Röm 5,5), „die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“, und der „der Geist der Kindschaft ist, in dem wir rufen: Abba [Vater]“ (Röm 8,15). Deshalb sollte die siebte Seligpreisung eher der Liebe als der Weisheit zugeschrieben werden.
Einwand 2: Ferner wird ein Ding eher durch seine unmittelbare Wirkung als durch seine mittelbare Wirkung erklärt. Nun scheint die unmittelbare Wirkung der Weisheit die Liebe zu sein, gemäß Weish 7,27: „Durch die Völker hindurch überträgt sie sich in heilige Seelen; sie macht Freunde Gottes und Propheten“: wohingegen Frieden und die Kindschaft mittelbare Wirkungen zu sein scheinen, da sie aus der Liebe resultieren, wie oben dargelegt (Frage [29], Artikel [3]). Deshalb sollte die der Weisheit entsprechende Seligpreisung eher hinsichtlich der Liebe der Caritas bestimmt werden als hinsichtlich des Friedens.
Einwand 3: Ferner steht geschrieben (Jakobus 3,17): „Die Weisheit, die von oben ist, ist zuerst zwar keusch, dann friedfertig, bescheiden, leicht zu überzeugen, dem Guten zustimmend, voll Barmherzigkeit und guter Früchte, ohne Heuchelei zu urteilen [*Vulg.: 'ohne zu richten, ohne Heuchelei'].“ Deshalb sollte sich die der Weisheit entsprechende Seligpreisung nicht eher auf den Frieden beziehen als auf die anderen Wirkungen der himmlischen Weisheit.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Serm. Dom. in Monte i, 4), dass „Weisheit den Friedensstiftern ziemt, in denen es keine Bewegung der Auflehnung gibt, sondern nur Gehorsam gegenüber der Vernunft.“
Ich antworte darauf, dass die siebte Seligpreisung passenderweise der Gabe der Weisheit zugeschrieben wird, sowohl hinsichtlich des Verdienstes als auch hinsichtlich des Lohnes. Das Verdienst wird in den Worten bezeichnet: „Selig die Friedensstifter.“ Nun ist ein Friedensstifter einer, der Frieden schafft, entweder in sich selbst oder in anderen: und in beiden Fällen ist dies das Ergebnis dessen, dass jene Dinge in die gebührende Ordnung gebracht werden, in denen der Frieden errichtet wird, denn „Friede ist die Ruhe der Ordnung“, gemäß Augustinus (De Civ. Dei xix, 13). Nun kommt es der Weisheit zu, die Dinge zu ordnen, wie der Philosoph erklärt (Metaph. i, 2), weshalb die Friedfertigkeit passenderweise der Weisheit zugeschrieben wird. Der Lohn wird in den Worten ausgedrückt: „sie werden Kinder Gottes genannt werden.“ Nun werden Menschen Kinder Gottes genannt, insofern sie an der Ähnlichkeit des eingeborenen und natürlichen Sohnes Gottes teilhaben, gemäß Röm 8,29: „Die er vorherbestimmt hat ... dem Bild seines Sohnes gleichgestaltet zu werden“, welcher die gezeugte Weisheit ist. Daher gelangt der Mensch durch die Teilhabe an der Gabe der Weisheit zur Gotteskindschaft.
Antwort auf Einwand 1: Es gehört zur Liebe, im Frieden zu sein, aber es gehört zur Weisheit, Frieden zu schaffen, indem sie die Dinge ordnet. Ebenso wird der Heilige Geist „Geist der Kindschaft“ genannt, insofern wir von Ihm die Ähnlichkeit des natürlichen Sohnes empfangen, der die gezeugte Weisheit ist.
Antwort auf Einwand 2: Diese Worte beziehen sich auf die unerschaffene Weisheit, die sich an erster Stelle durch die Gabe der Liebe mit uns vereint und uns folglich die Geheimnisse offenbart, deren Erkenntnis die eingegossene Weisheit ist. Daher ist die eingegossene Weisheit, die eine Gabe ist, nicht die Ursache, sondern die Wirkung der Liebe.
Antwort auf Einwand 3: Wie oben dargelegt (Artikel [3]), gehört es zur Weisheit als Gabe nicht nur, göttliche Dinge zu betrachten, sondern auch menschliche Handlungen zu regulieren. Nun ist das Erste, was in dieser Lenkung der menschlichen Handlungen bewirkt werden muss, die Entfernung der Übel, die der Weisheit entgegengesetzt sind: weshalb die Furcht „der Anfang der Weisheit“ genannt wird, weil sie uns das Böse meiden lässt; das Letzte aber ist wie ein Ziel, wodurch alle Dinge auf ihre rechte Ordnung zurückgeführt werden; und dies ist es, was den Frieden ausmacht. Daher sagte Jakobus mit Recht, dass „die Weisheit, die von oben ist“ (und dies ist die Gabe des Heiligen Geistes), „zuerst zwar keusch ist“, weil sie die Verderbnis der Sünde meidet, und „dann friedfertig“, worin die letzte Wirkung der Weisheit liegt, weshalb der Frieden unter die Seligpreisungen gezählt wird. Was die Dinge betrifft, die folgen, so erklären sie in geziemender Ordnung die Mittel, wodurch die Weisheit zum Frieden führt. Denn wenn ein Mensch durch Keuschheit die Verderbnis der Sünde meidet, ist das Erste, was er zu tun hat, soweit er kann, in allen Dingen maßvoll zu sein, und in dieser Hinsicht wird die Weisheit bescheiden genannt. Zweitens sollte er sich in jenen Angelegenheiten, in denen er sich selbst nicht genügt, vom Rat anderer leiten lassen, und hierzu wird uns weiter gesagt, dass die Weisheit „leicht zu überzeugen“ ist. Diese beiden sind Bedingungen, die erforderlich sind, damit der Mensch mit sich selbst im Frieden sei. Damit aber der Mensch mit anderen im Frieden sei, ist ferner erforderlich: erstens, dass er ihrem Guten nicht entgegengesetzt sei; dies ist gemeint mit „dem Guten zustimmend“. Zweitens, dass er den Mängeln seines Nächsten Sympathie in seinem Herzen und Hilfe in seinen Taten entgegenbringe, und dies wird durch die Worte „voll Barmherzigkeit und guter Früchte“ bezeichnet. Drittens sollte er in aller Liebe danach streben, die Sünden anderer zu korrigieren, und dies wird durch die Worte angezeigt „ohne Heuchelei zu urteilen [*Vulg.: 'ohne zu richten, ohne Heuchelei']“, damit er nicht beabsichtige, seinen Hass unter dem Deckmantel der Zurechtweisung zu sättigen.