II-II, q. 45 a. 3
Ob die Weisheit rein spekulativ ist oder auch praktisch?
Quaestio 45 · Von der Gabe der Weisheit
Einwand 1: Es scheint, dass die Weisheit nicht praktisch, sondern rein spekulativ ist. Denn die Gabe der Weisheit ist vorzüglicher als die Weisheit, die eine intellektuelle Tugend ist. Aber die Weisheit als intellektuelle Tugend ist rein spekulativ. Umso mehr ist daher die Weisheit als Gabe spekulativ und nicht praktisch.
Einwand 2: Ferner befasst sich der praktische Intellekt mit Angelegenheiten des Handelns, die kontingent sind. Die Weisheit aber befasst sich mit göttlichen Dingen, die ewig und notwendig sind. Deshalb kann die Weisheit nicht praktisch sein.
Einwand 3: Ferner sagt Gregor (Moral. vi, 37), dass wir „in der Kontemplation den Anfang suchen, der Gott ist, im Handeln aber unter einer mächtigen Bürde von Bedürfnissen arbeiten“. Nun bezieht sich die Weisheit auf die Schau der göttlichen Dinge, in der es kein Mühen unter einer Last gibt, da gemäß Weish 8,16 „ihr Umgang keine Bitterkeit hat noch ihre Gemeinschaft irgendeine Langeweile“. Deshalb ist die Weisheit rein kontemplativ und nicht praktisch oder aktiv.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Kol 4,5): „Wandelt in Weisheit gegenüber denen, die draußen sind.“ Dies nun gehört zum Handeln. Deshalb ist die Weisheit nicht rein spekulativ, sondern auch praktisch.
Ich antworte darauf, dass, wie Augustinus sagt (De Trin. xii, 14), der höhere Teil der Vernunft der Bereich der Weisheit ist, während der untere Teil das Gebiet der Wissenschaft ist. Nun ist die höhere Vernunft gemäß derselben Autorität (De Trin. xii, 7) „auf die Betrachtung und Befragung der himmlischen“, d.h. göttlichen, „Urbilder“ gerichtet [*Vgl. FP, Frage [79], Artikel [9]; FS, Frage [74], Artikel [7]]; sie betrachtet sie, insofern sie die göttlichen Dinge in sich selbst kontempliert, und sie befragt sie, insofern sie menschliche Handlungen durch göttliche Dinge beurteilt und menschliche Handlungen gemäß göttlichen Regeln lenkt.
Dementsprechend ist die Weisheit als Gabe nicht rein spekulativ, sondern auch praktisch.
Antwort auf Einwand 1: Je höher eine Tugend ist, desto größer ist die Zahl der Dinge, auf die sie sich erstreckt, wie in De Causis, prop. x, xvii dargelegt wird. Daher ist die Weisheit als Gabe gerade deshalb, weil sie vorzüglicher ist als die Weisheit als intellektuelle Tugend – da sie Gott inniger durch eine Art Vereinigung der Seele mit Ihm erreicht –, fähig, uns nicht nur in der Kontemplation, sondern auch im Handeln zu leiten.
Antwort auf Einwand 2: Die göttlichen Dinge sind zwar in sich selbst notwendig und ewig, doch sind sie die Regeln der kontingenten Dinge, die Gegenstand menschlicher Handlungen sind.
Antwort auf Einwand 3: Ein Ding wird in sich selbst betrachtet, bevor es mit etwas anderem verglichen wird. Daher gehört zur Weisheit zuallererst die Kontemplation, welche die Schau des Anfangs ist, und danach die Lenkung der menschlichen Handlungen gemäß den göttlichen Regeln. Auch resultiert aus der Lenkung der Weisheit keine Bitterkeit oder Mühsal in den menschlichen Handlungen; im Gegenteil ist das Ergebnis der Weisheit, das Bittere süß zu machen und die Arbeit zur Ruhe.