II-II, q. 45 a. 2
Ob die Weisheit im Intellekt als ihrem Subjekt ist?
Quaestio 45 · Von der Gabe der Weisheit
Einwand 1: Es scheint, dass die Weisheit nicht im Intellekt als ihrem Subjekt ist. Denn Augustinus sagt (Ep. cxx), dass „Weisheit die Liebe Gottes ist“. Die Liebe [Caritas] aber ist im Willen als ihrem Subjekt und nicht im Intellekt, wie oben dargelegt wurde (Frage [24], Artikel [1]). Deshalb ist die Weisheit nicht im Intellekt als ihrem Subjekt.
Einwand 2: Ferner steht geschrieben (Sirach 6,23): „Die Weisheit der Lehre ist gemäß ihrem Namen“, denn Weisheit [sapientia] kann als „schmackhaftes Wissen“ [sapida scientia] beschrieben werden, und dies scheint den Appetit zu betreffen, dem es zukommt, geistliche Lust oder Süßigkeit zu schmecken. Deshalb ist die Weisheit eher im Appetit als im Intellekt.
Einwand 3: Ferner wird die intellektive Kraft durch die Gabe der Einsicht hinreichend vervollkommnet. Nun ist es überflüssig, zwei Dinge zu verlangen, wo eines für den Zweck ausreicht. Deshalb ist die Weisheit nicht im Intellekt.
Dagegen spricht, dass Gregor sagt (Moral. ii, 49), „Weisheit ist das Gegenteil von Torheit“. Aber Torheit ist im Intellekt. Deshalb ist es die Weisheit auch.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt (Artikel [1]), Weisheit eine gewisse Richtigkeit des Urteils gemäß dem ewigen Gesetz bezeichnet. Nun ist die Richtigkeit des Urteils zweifach: erstens aufgrund des vollkommenen Gebrauchs der Vernunft, zweitens aufgrund einer gewissen Wesensverwandtschaft [connaturalitas] mit der Materie, über die man zu urteilen hat. So bildet ein Mensch über Angelegenheiten der Keuschheit nach vernünftiger Untersuchung ein rechtes Urteil, wenn er die Wissenschaft der Moral erlernt hat; wer aber den Habitus der Keuschheit besitzt, urteilt über solche Angelegenheiten durch eine Art Wesensverwandtschaft.
Dementsprechend kommt es der Weisheit, die eine intellektuelle Tugend ist, zu, ein rechtes Urteil über göttliche Dinge zu fällen, nachdem die Vernunft ihre Untersuchung angestellt hat; aber der Weisheit als einer Gabe des Heiligen Geistes kommt es zu, recht über sie zu urteilen aufgrund einer Wesensverwandtschaft mit ihnen: so sagt Dionysius (Div. Nom. ii), dass „Hierotheus in göttlichen Dingen vollkommen ist, denn er lernt nicht nur, sondern erleidet die göttlichen Dinge.“
Diese Sympathie oder Wesensverwandtschaft für göttliche Dinge ist nun das Ergebnis der Liebe [Caritas], die uns mit Gott vereint, gemäß 1 Kor 6,17: „Wer dem Herrn anhängt, ist ein Geist mit ihm.“ Folglich hat die Weisheit, die eine Gabe ist, ihre Ursache im Willen, welche Ursache die Liebe ist, aber sie hat ihr Wesen im Intellekt, dessen Akt es ist, recht zu urteilen, wie oben dargelegt (FS, Frage [14], Artikel [1]).
Antwort auf Einwand 1: Augustinus spricht von der Weisheit hinsichtlich ihrer Ursache, woher auch die Weisheit [sapientia] ihren Namen nimmt, insofern sie einen gewissen Geschmack [saporem] bezeichnet. Daher ist die Antwort auf den zweiten Einwand offensichtlich, das heißt, wenn dies die wahre Bedeutung des zitierten Textes ist. Denn anscheinend ist dies nicht der Fall, weil eine solche Auslegung des Textes nur auf das lateinische Wort für Weisheit passen würde, während sie auf das Griechische und vielleicht nicht auf andere Sprachen zutrifft. Daher scheint es, dass im zitierten Text Weisheit für den Ruhm der Lehre steht, wofür sie von allen gepriesen wird.
Antwort auf Einwand 3: Der Intellekt übt einen zweifachen Akt aus: Wahrnehmung und Urteil. Die Gabe der Einsicht bezieht sich auf ersteres; die Gabe der Weisheit bezieht sich auf letzteres gemäß den göttlichen Ideen, die Gabe der Wissenschaft gemäß den menschlichen Ideen.