II-II, q. 34 a. 5
Ob Hass ein Hauptlaster ist?
Quaestio 34 · Vom Hass
Einwand 1: Es scheint, dass Hass ein Hauptlaster ist. Denn Hass ist der Liebe (Caritas) direkt entgegengesetzt. Nun ist die Liebe die vornehmste unter den Tugenden und die Mutter aller anderen. Also ist Hass das Oberhaupt der Hauptlaster und der Ursprung aller anderen.
Einwand 2: Ferner entstehen Sünden in uns aufgrund der Neigungen unserer Leidenschaften, gemäß Röm 7,5: „Die Leidenschaften der Sünden ... wirkten in unseren Gliedern, um Früchte für den Tod zu bringen.“ Nun scheinen alle anderen Leidenschaften der Seele aus Liebe und Hass zu entstehen, wie oben gezeigt wurde (I-II, Frage 25, Artikel 1 und 2). Also sollte Hass zu den Hauptlastern gezählt werden.
Einwand 3: Ferner ist Laster ein moralisches Übel. Nun bezieht sich Hass mehr auf das Böse als jede andere Leidenschaft. Also scheint es, dass Hass als ein Hauptlaster gerechnet werden sollte.
Dagegen spricht, dass Gregor (Moral. xxxi) den Hass nicht unter den sieben Hauptlastern aufzählt.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (I-II, Frage 84, Artikel 3 und 4), ein Hauptlaster eines ist, aus dem andere Laster am häufigsten entstehen. Nun ist das Laster der Natur des Menschen entgegengesetzt, insofern er ein vernünftiges Lebewesen ist: und wenn ein Ding seiner Natur zuwider handelt, wird das, was ihm natürlich ist, nach und nach verdorben. Folglich muss es zuerst in dem versagen, was weniger in Übereinstimmung mit seiner Natur ist, und zuletzt in dem, was am meisten in Übereinstimmung mit seiner Natur ist, da das, was im Aufbau zuerst kommt, in der Zerstörung zuletzt kommt. Nun ist das, was dem Menschen zuallererst und am meisten natürlich ist, die Liebe zu dem, was gut ist, und besonders die Liebe zum göttlichen Gut und zum Gut seines Nächsten. Daher ist der Hass, der dieser Liebe entgegengesetzt ist, nicht das Erste, sondern das Letzte im Verfall der Tugend, der aus dem Laster resultiert: und deshalb ist er kein Hauptlaster.
Antwort auf Einwand 1: Wie in Phys. vii, Text 18 dargelegt, „besteht die Tugend eines Dinges darin, dass es in Übereinstimmung mit seiner Natur gut disponiert ist.“ Daher muss das, was in den Tugenden zuallererst kommt, in der natürlichen Ordnung zuallererst kommen. Daher wird die Liebe als die vornehmste der Tugenden gerechnet, und aus demselben Grund kann der Hass nicht der erste unter den Lastern sein, wie oben dargelegt.
Antwort auf Einwand 2: Der Hass auf das Übel, das dem eigenen natürlichen Gut entgegengesetzt ist, ist die erste der Leidenschaften der Seele, so wie die Liebe zum eigenen natürlichen Gut es ist. Aber der Hass auf das eigene konnaturale Gut kann nicht das Erste sein, sondern ist etwas Letztes, weil ein solcher Hass ein Beweis für eine bereits verdorbene Natur ist, ebenso wie die Liebe zu einem fremdartigen Gut.
Antwort auf Einwand 3: Das Übel ist zweifach. Eines ist ein wahres Übel, aus dem Grund, dass es mit dem eigenen natürlichen Gut unvereinbar ist, und der Hass auf ein solches Übel kann Vorrang vor den anderen Leidenschaften haben. Es gibt jedoch ein anderes, das kein wahres, sondern ein scheinbares Übel ist, welches nämlich ein wahres und konnaturales Gut ist und doch aufgrund der Verderbnis der Natur als Übel angesehen wird: und der Hass auf ein solches Übel muss notwendigerweise zuletzt kommen. Dieser Hass ist lasterhaft, jener erstere aber nicht.