II-II, q. 34 a. 4
Ob der Hass gegen unseren Nächsten die schwerste Sünde gegen unseren Nächsten ist?
Quaestio 34 · Vom Hass
Einwand 1: Es scheint, dass der Hass gegen unseren Nächsten die schwerste Sünde gegen unseren Nächsten ist. Denn es steht geschrieben (1 Joh 3,15): „Jeder, der seinen Bruder hasst, ist ein Mörder.“ Nun ist Mord die schwerste der Sünden gegen unseren Nächsten. Also ist es auch der Hass.
Einwand 2: Ferner ist das Schlechteste dem Besten entgegengesetzt. Nun ist das Beste, was wir unserem Nächsten geben, die Liebe, da alle anderen Dinge auf die Liebe beziehbar sind. Also ist der Hass das Schlechteste.
Dagegen spricht: Ein Ding wird böse genannt, weil es schadet, wie Augustinus bemerkt (Enchiridion xii). Nun gibt es Sünden, durch die ein Mensch seinem Nächsten mehr schadet als durch Hass, z.B. Diebstahl, Mord und Ehebruch. Also ist Hass nicht die schwerste Sünde.
Zudem sagt Chrysostomus [*Hom. x im Opus Imperfectum, fälschlicherweise dem hl. Johannes Chrysostomus zugeschrieben] im Kommentar zu Mt 5,19 („Wer eines dieser kleinsten Gebote auflöst“): „Die Gebote des Mose, Du sollst nicht töten, Du sollst nicht ehebrechen, zählen wenig in ihrem Lohn, aber sie zählen viel, wenn sie missachtet werden. Andererseits werden die Gebote Christi, wie Du sollst nicht zürnen, Du sollst nicht begehren, groß gerechnet in ihrem Lohn, aber gering in der Übertretung.“ Nun ist Hass eine innere Bewegung wie Zorn und Begehren. Also ist der Hass gegen den Bruder eine weniger schwere Sünde als Mord.
Ich antworte darauf, dass Sünden, die gegen unseren Nächsten begangen werden, aus zwei Gründen böse sind; erstens aufgrund der Unordnung in der Person, die sündigt, zweitens aufgrund des Schadens, der der Person zugefügt wird, gegen die gesündigt wird. Aus dem ersten Grund ist Hass eine schwerere Sünde als äußere Handlungen, die unserem Nächsten schaden, weil Hass eine Unordnung des menschlichen Willens ist, welcher der wichtigste Teil des Menschen ist und worin die Wurzel der Sünde liegt, so dass, wenn die äußeren Handlungen eines Menschen ungeordnet wären, ohne irgendeine Unordnung in seinem Willen, sie nicht sündhaft wären, zum Beispiel, wenn er einen Menschen aus Unwissenheit oder aus Eifer für die Gerechtigkeit töten würde: und wenn es etwas Sündhaftes in den äußeren Sünden eines Menschen gegen seinen Nächsten gibt, so ist dies alles auf seinen inneren Hass zurückzuführen.
Andererseits sind, was den dem Nächsten zugefügten Schaden betrifft, die äußeren Sünden eines Menschen schlimmer als sein innerer Hass. Dies genügt für die Antworten auf die Einwände.