II-II, q. 34 a. 1
Ob es möglich ist, dass jemand Gott hasst?
Quaestio 34 · Vom Hass
Einwand 1: Es scheint, dass kein Mensch Gott hassen kann. Denn Dionysius sagt (De div. nom. 4), dass „das erste Gute und Schöne Gegenstand der Liebe und Zuneigung für alle ist.“ Gott aber ist die Güte und Schönheit selbst. Also wird er von niemandem gehasst.
Einwand 2: Ferner steht in den apokryphen Büchern (3 Esra 4,36.39) geschrieben, dass „alle Dinge die Wahrheit anrufen ... und (alle Menschen) Wohlgefallen an ihren Werken haben.“ Nun ist Gott die Wahrheit selbst, gemäß Joh 14,6. Also lieben alle Gott, und niemand kann Ihn hassen.
Einwand 3: Ferner ist Hass eine Art Abwendung. Aber gemäß Dionysius (De div. nom. 1) zieht Gott alles an sich. Also kann Ihn niemand hassen.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Ps 73,23): „Der Hochmut derer, die dich hassen, steigt beständig auf“, und (Joh 15,24): „Jetzt aber haben sie gesehen und doch gehasst, sowohl mich als auch meinen Vater.“
Ich antworte darauf, dass, wie oben gezeigt (I-II, Frage 29, Artikel 1), der Hass eine Bewegung des Begehrungsvermögens ist, welches nur durch etwas Erkanntes in Bewegung gesetzt wird. Nun kann Gott vom Menschen auf zweifache Weise erkannt werden: erstens an sich selbst, wie wenn Er in seinem Wesen geschaut wird; zweitens in seinen Wirkungen, wenn nämlich „das Unsichtbare“ Gottes ... „an den Werken der Schöpfung wahrgenommen wird“ (Röm 1,20). Gott ist nun in seinem Wesen die Güte selbst, die kein Mensch hassen kann – denn es ist dem Guten natürlich, geliebt zu werden. Daher ist es unmöglich, dass jemand, der Gott in seinem Wesen schaut, Ihn hasst.
Zudem sind einige seiner Wirkungen so beschaffen, dass sie dem menschlichen Willen keineswegs zuwider sein können, da „sein, leben, erkennen“, welche Wirkungen Gottes sind, für alle begehrenswert und liebenswert sind. Daher kann Gott wiederum nicht Gegenstand des Hasses sein, wenn wir Ihn als Urheber solcher Wirkungen betrachten. Einige Wirkungen Gottes sind jedoch einem ungeordneten Willen entgegengesetzt, wie etwa die Verhängung von Strafe und das Verbot der Sünde durch das göttliche Gesetz. Solche Wirkungen widerstreben einem durch Sünde verdorbenen Willen, und hinsichtlich ihrer Betrachtung kann Gott für manche ein Gegenstand des Hasses sein, insofern sie Ihn als denjenigen ansehen, der die Sünde verbietet und Strafe verhängt.
Antwort auf Einwand 1: Dieses Argument gilt für jene, die Gottes Wesen schauen, welches das Wesen der Güte selbst ist.
Antwort auf Einwand 2: Dieses Argument ist insofern wahr, als Gott als Ursache solcher Wirkungen erkannt wird, die von Natur aus von allen geliebt werden, worunter auch die Werke der Wahrheit fallen, die sich den Menschen offenbart.
Antwort auf Einwand 3: Gott zieht alle Dinge an sich, insofern Er die Quelle des Seins ist, da alle Dinge, insoweit sie sind, danach streben, Gott ähnlich zu sein, der das Sein selbst ist.