II-II, q. 34 a. 2
Ob der Hass gegen Gott die größte Sünde ist?
Quaestio 34 · Vom Hass
Einwand 1: Es scheint, dass der Hass gegen Gott nicht die größte Sünde ist. Denn die schwerste Sünde ist die Sünde wider den Heiligen Geist, da sie nicht vergeben werden kann, gemäß Mt 12,32. Nun wird der Hass gegen Gott nicht unter den verschiedenen Arten der Sünde wider den Heiligen Geist aufgezählt, wie aus dem oben Gesagten ersichtlich ist (Frage 14, Artikel 2). Also ist der Hass gegen Gott nicht die schwerste Sünde.
Einwand 2: Ferner besteht die Sünde darin, dass man sich von Gott entfernt. Nun scheint ein Ungläubiger, der nicht einmal Kenntnis von Gott hat, weiter von Ihm entfernt zu sein als ein Gläubiger, der Gott zwar hasst, Ihn aber dennoch kennt. Daher scheint die Sünde des Unglaubens schwerwiegender zu sein als die Sünde des Hasses gegen Gott.
Einwand 3: Ferner ist Gott nur aufgrund jener seiner Wirkungen Gegenstand des Hasses, die dem Willen zuwider sind: die wichtigste davon ist die Strafe. Aber der Hass gegen die Strafe ist nicht die schwerste Sünde. Also ist der Hass gegen Gott nicht die schwerste Sünde.
Dagegen spricht: Das Beste ist dem Schlechtesten entgegengesetzt, gemäß dem Philosophen (Ethic. viii, 10). Aber der Hass gegen Gott ist der Liebe zu Gott entgegengesetzt, worin das Beste des Menschen besteht. Also ist der Hass gegen Gott die schlimmste Sünde des Menschen.
Ich antworte darauf, dass der Mangel in der Sünde in der Abwendung von Gott besteht, wie oben dargelegt (Frage 10, Artikel 3): und diese Abwendung hätte nicht den Charakter von Schuld, wäre sie nicht freiwillig. Daher besteht das Wesen der Schuld in einer freiwilligen Abwendung von Gott.
Nun ist diese freiwillige Abwendung von Gott im Hass gegen Gott direkt impliziert, in anderen Sünden aber nur durch Teilhabe und indirekt. Denn so wie der Wille direkt dem anhängt, was er liebt, so meidet er direkt das, was er hasst. Wenn also ein Mensch Gott hasst, ist sein Wille direkt von Gott abgewandt, wohingegen sich ein Mensch bei anderen Sünden, zum Beispiel bei der Unzucht, nicht direkt, sondern indirekt von Gott abwendet, insofern er nämlich ein ungeordnetes Vergnügen begehrt, mit dem die Abwendung von Gott verbunden ist. Nun hat das, was durch sich selbst so ist, immer Vorrang vor dem, was durch ein anderes so ist. Daher ist der Hass gegen Gott schwerwiegender als andere Sünden.
Antwort auf Einwand 1: Gemäß Gregor (Moral. xxv, 11) ist es „eine Sache, Gutes nicht zu tun, und eine andere, den Geber des Guten zu hassen, so wie es eine Sache ist, unüberlegt zu sündigen, und eine andere, vorsätzlich zu sündigen.“ Dies impliziert, dass Gott, den Geber aller guten Dinge, zu hassen, bedeutet, vorsätzlich zu sündigen, und dies ist eine Sünde wider den Heiligen Geist. Daher ist offensichtlich, dass der Hass gegen Gott hauptsächlich eine Sünde wider den Heiligen Geist ist, insofern die Sünde wider den Heiligen Geist eine besondere Art von Sünde bezeichnet: und doch wird er nicht unter den Arten der Sünde wider den Heiligen Geist aufgezählt, weil er allgemein in jeder Art dieser Sünde zu finden ist.
Antwort auf Einwand 2: Selbst Unglaube ist nicht sündhaft, es sei denn, er ist freiwillig: weshalb er umso sündhafter ist, je freiwilliger er ist. Nun wird er dadurch freiwillig, dass ein Mensch die Wahrheit hasst, die ihm vorgelegt wird. Daher ist offensichtlich, dass der Unglaube seine Sündhaftigkeit aus dem Hass gegen Gott ableitet, dessen Wahrheit Gegenstand des Glaubens ist; und daher ist, so wie eine Ursache größer ist als ihre Wirkung, der Hass gegen Gott eine größere Sünde als der Unglaube.
Antwort auf Einwand 3: Nicht jeder, der seine Strafe hasst, hasst Gott, den Urheber der Strafen. Denn viele hassen die ihnen auferlegten Strafen und ertragen sie dennoch geduldig aus Ehrfurcht vor der göttlichen Gerechtigkeit. Daher sagt Augustinus (Confess. x), dass Gott uns befiehlt, Strafübel zu ertragen, nicht sie zu lieben. Andererseits bedeutet es, in Hass gegen Gott auszubrechen, wenn Er diese Strafen verhängt, Gottes Gerechtigkeit selbst zu hassen, und das ist eine überaus schwere Sünde. Daher sagt Gregor (Moral. xxv, 11): „So wie es manchmal schwerwiegender ist, die Sünde zu lieben, als sie zu tun, so ist es frevelhafter, die Gerechtigkeit zu hassen, als sie nicht getan zu haben.“