II-II, q. 34 a. 6
Ob Hass aus Neid entsteht?
Quaestio 34 · Vom Hass
Einwand 1: Es scheint, dass Hass nicht aus Neid entsteht. Denn Neid ist Traurigkeit über das Gut eines anderen. Nun entsteht Hass nicht aus Traurigkeit, denn im Gegenteil trauern wir über die Anwesenheit des Übels, das wir hassen. Also entsteht Hass nicht aus Neid.
Einwand 2: Ferner ist Hass der Liebe entgegengesetzt. Nun wird die Liebe zum Nächsten auf unsere Liebe zu Gott bezogen, wie oben dargelegt (Frage 25, Artikel 1; Frage 26, Artikel 2). Also wird der Hass gegen unseren Nächsten auf unseren Hass gegen Gott bezogen. Aber der Hass gegen Gott entsteht nicht aus Neid, denn wir beneiden nicht jene, die sehr weit von uns entfernt sind, sondern eher jene, die uns nahe zu sein scheinen, wie der Philosoph feststellt (Rhet. ii). Also entsteht Hass nicht aus Neid.
Einwand 3: Ferner gibt es für eine Wirkung eine Ursache. Nun wird Hass durch Zorn verursacht, denn Augustinus sagt in seiner Regel, dass „Zorn zu Hass wächst“. Also entsteht Hass nicht aus Neid.
Dagegen spricht, dass Gregor sagt (Moral. xxxi, 45), dass „aus Neid Hass kommt“.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel 5), der Hass gegen seinen Nächsten der letzte Schritt des Menschen auf dem Weg der Sünde ist, weil er der Liebe entgegengesetzt ist, die er von Natur aus zu seinem Nächsten hat. Wenn nun ein Mensch von dem abweicht, was natürlich ist, so geschieht dies, weil er beabsichtigt, das zu meiden, was von Natur aus ein zu meidender Gegenstand ist. Nun meidet jedes Lebewesen von Natur aus Traurigkeit, so wie es Lust begehrt, wie der Philosoph feststellt (Ethic. vii, x). Dementsprechend entsteht, so wie Liebe aus Lust entsteht, Hass aus Traurigkeit. Denn so wie wir bewegt werden, alles zu lieben, was uns Lust bereitet, insofern es aus eben diesem Grund den Aspekt des Guten annimmt; so werden wir bewegt, alles zu hassen, was uns missfällt, insofern es aus eben diesem Grund den Aspekt des Übels annimmt. Da nun Neid Traurigkeit über das Gut unseres Nächsten ist, folgt daraus, dass das Gut unseres Nächsten uns verhasst wird, so dass „aus Neid Hass kommt“.
Antwort auf Einwand 1: Da das Begehrungsvermögen, wie das Erkenntnisvermögen, über seine eigenen Akte reflektiert, folgt daraus, dass es eine Art kreisförmige Bewegung in den Handlungen des Begehrungsvermögens gibt. Und so lässt gemäß dem ersten Vorwärtslauf der begehrenden Bewegung die Liebe das Begehren entstehen, woraus Lust folgt, wenn man erlangt hat, was man begehrte. Und da die Tatsache selbst, am geliebten Gut Lust zu empfinden, eine Art Gut ist, folgt daraus, dass Lust Liebe verursacht. Und auf dieselbe Weise verursacht Traurigkeit Hass.
Antwort auf Einwand 2: Liebe und Hass sind wesentlich verschieden, denn der Gegenstand der Liebe ist das Gute, das von Gott zu den Geschöpfen fließt, weshalb die Liebe an erster Stelle Gott gebührt und danach unserem Nächsten. Andererseits bezieht sich der Hass auf das Übel, das in Gott selbst keinen Platz hat, sondern nur in seinen Wirkungen, weshalb oben (Artikel 1) dargelegt wurde, dass Gott kein Gegenstand des Hasses ist, außer insofern Er in Beziehung zu seinen Wirkungen betrachtet wird, und folglich richtet sich der Hass gegen unseren Nächsten, bevor er gegen Gott gerichtet wird. Da also der Neid auf unseren Nächsten die Mutter des Hasses gegen unseren Nächsten ist, wird er in der Folge zur Ursache des Hasses gegen Gott.
Antwort auf Einwand 3: Nichts hindert daran, dass ein Ding in verschiedener Hinsicht aus verschiedenen Ursachen entsteht, und dementsprechend kann Hass sowohl aus Zorn als auch aus Neid entstehen. Er entsteht jedoch direkter aus Neid, der das Gut unseres Nächsten selbst als missfallend und daher hassenswert betrachtet, wohingegen Hass aus Zorn durch eine Art Zunahme entsteht. Denn zuerst begehren wir durch Zorn das Übel unseres Nächsten nach einem gewissen Maß, das heißt, insofern dieses Übel den Aspekt der Rache hat: aber danach, durch das Andauern des Zorns, geht der Mensch so weit, das Übel seines Nächsten absolut zu begehren, welches Begehren Teil des Hasses ist. Daher ist offensichtlich, dass Hass durch Neid formal hinsichtlich des Aspekts des Objekts verursacht wird, aber dispositiv durch Zorn.