II-II, q. 174 a. 4
Ob Moses der größte der Propheten war?
Quaestio 174 · Von der Einteilung der Prophetie
Einwand 1: Es scheint, dass Moses nicht der größte der Propheten war. Denn eine Glosse am Anfang des Psalters sagt, dass „David der Prophet bij uitstek (in hervorragender Weise) genannt wird.“ Daher war Moses nicht der größte von allen.
Einwand 2: Ferner wurden größere Wunder von Josue gewirkt, der Sonne und Mond stillstehen ließ (Josue 10,12-14), und von Isaias, der die Sonne zurückkehren ließ (Jes 38,8), als von Moses, der das Rote Meer teilte (Ex 14,21). In gleicher Weise wurden größere Wunder von Elias gewirkt, von dem geschrieben steht (Sir 48,4.5): „Wer kann sich rühmen gleich dir? Der du einen Toten erweckt hast aus der Tiefe.“ Daher war Moses nicht der größte der Propheten.
Einwand 3: Ferner steht geschrieben (Mt 11,11), dass „unter denen, die von Weibern geboren sind, kein Größerer aufgestanden ist als Johannes der Täufer.“ Daher war Moses nicht größer als alle Propheten.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Dtn 34,10): „Es stand hinfort kein Prophet in Israel auf wie Moses.“
Ich antworte darauf, dass, obwohl in gewisser Hinsicht der eine oder andere der Propheten größer war als Moses, Moses doch schlechthin der größte von allen war. Denn wie oben dargelegt (Artikel [3]; Quaestio [171], Artikel [1]), können wir in der Prophetie nicht nur die Erkenntnis betrachten, sei es durch intellektuelle oder durch imaginative Schau, sondern auch die Verkündigung und die Bestätigung durch Wunder. Demgemäß war Moses größer als die anderen Propheten. Erstens hinsichtlich der intellektuellen Schau, da er Gottes Wesen selbst sah, so wie Paulus es in seiner Entrückung tat, gemäß Augustinus (Gen. ad lit. xii, 27). Daher steht geschrieben (Num 12,8), dass er Gott „offen und nicht durch Rätsel“ sah. Zweitens hinsichtlich der imaginativen Schau, die er gleichsam nach Belieben hatte, denn nicht nur hörte er Worte, sondern er sah auch einen, der zu ihm sprach unter der Gestalt Gottes, und dies nicht nur während des Schlafes, sondern sogar als er wach war. Daher steht geschrieben (Ex 33,11), dass „der Herr zu Moses von Angesicht zu Angesicht sprach, wie ein Mensch mit seinem Freund zu sprechen pflegt.“ Drittens hinsichtlich des Wirkens von Wundern, die er an einem ganzen Volk von Ungläubigen wirkte. Daher steht geschrieben (Dtn 34,10.11): „Es stand hinfort kein Prophet in Israel auf wie Moses, den der Herr von Angesicht zu Angesicht kannte: in all den Zeichen und Wundern, die Er durch ihn sandte, um sie im Land Ägypten am Pharao und an all seinen Knechten und an seinem ganzen Land zu tun.“
Antwort auf Einwand 1: Die Prophetie Davids kommt der Schau des Moses nahe, was die intellektuelle Schau betrifft, weil beide eine Offenbarung intelligibler und übernatürlicher Wahrheit empfingen, ohne irgendeine imaginative Schau. Doch war die Schau des Moses vorzüglicher hinsichtlich der Erkenntnis der Gottheit; während David die Geheimnisse der Menschwerdung Christi vollständiger erkannte und ausdrückte.
Antwort auf Einwand 2: Diese erwähnten Zeichen der Propheten waren größer hinsichtlich der Substanz der geschehenen Sache; doch waren die Wunder des Moses größer hinsichtlich der Art und Weise, wie sie getan wurden, da sie an einem ganzen Volk gewirkt wurden.
Antwort auf Einwand 3: Johannes gehört zum Neuen Testament, dessen Diener sogar vor Moses Vorrang haben, da sie Zuschauer einer volleren Offenbarung sind, wie in 2 Kor 3 dargelegt.