II-II, q. 174 a. 2
Ob die Prophetie, die mit intellektiver und imaginativer Schau verbunden ist, vorzüglicher ist als jene, die nur mit intellektiver Schau verbunden ist?
Quaestio 174 · Von der Einteilung der Prophetie
Einwand 1: Es scheint, dass die Prophetie, die intellektive und imaginative Schau hat, vorzüglicher ist als jene, die nur mit intellektiver Schau verbunden ist. Denn Augustinus sagt (Gen. ad lit. xii, 9): „Weniger ist der ein Prophet, der im Geiste nichts als die Zeichen sieht, welche die Dinge repräsentieren, mittels der Bilder körperlicher Dinge: mehr ist der ein Prophet, der lediglich mit dem Verständnis dieser Zeichen begabt ist; am meisten aber ist der ein Prophet, der in beiden Weisen hervorragt“, und dies bezieht sich auf den Propheten, der intellektive zusammen mit imaginativer Schau hat. Daher ist diese Art der Prophetie vorzüglicher.
Einwand 2: Ferner, je größer die Kraft eines Dinges ist, desto größer ist die Distanz, bis zu der sie sich erstreckt. Nun gehört das prophetische Licht hauptsächlich dem Geist an, wie oben dargelegt (Quaestio [173], Artikel [2]). Daher ist anscheinend die Prophetie, die sich bis zur Einbildungskraft erstreckt, größer als jene, die auf den Intellekt beschränkt ist.
Einwand 3: Ferner unterscheidet Hieronymus (Prol. in Lib. Reg.) die „Propheten“ von den „Hagiographen“ (heiligen Schreibern). Nun hatten alle jene, die er Propheten nennt (wie Isaias, Jeremias und dergleichen), intellektive zusammen mit imaginativer Schau: nicht aber jene, die er Hagiographen nennt, als solche, die durch die Eingebung des Heiligen Geistes schreiben (wie Hiob, David, Salomon und dergleichen). Daher scheint es angemessener, jene Propheten zu nennen, die intellektive zusammen mit imaginativer Schau hatten, als jene, die nur intellektive Schau hatten.
Einwand 4: Ferner sagt Dionysius (Coel. Hier. i), dass „es unmöglich ist, dass der göttliche Strahl uns erleuchtet, außer wenn er ringsum von den vielfarbigen heiligen Schleiern verhüllt ist.“ Nun wird die prophetische Offenbarung durch die Eingießung des göttlichen Strahls vermittelt. Daher scheint es, dass sie nicht ohne die Schleier der Phantasmen sein kann.
Dagegen spricht, dass eine Glosse am Anfang des Psalters sagt, dass „die vorzüglichste Art der Prophetie ist, wenn ein Mensch durch die bloße Eingebung des Heiligen Geistes prophezeit, ohne irgendeine äußere Hilfe von Tat, Wort, Vision oder Traum.“
Ich antworte darauf, dass die Vorzüglichkeit der Mittel hauptsächlich nach dem Zweck bemessen wird. Nun ist der Zweck der Prophetie die Offenbarung einer Wahrheit, die das Vermögen des Menschen übersteigt. Daher ist die Prophetie umso vorzüglicher, je wirksamer diese Offenbarung ist. Es ist aber offensichtlich, dass die Offenbarung der göttlichen Wahrheit mittels der bloßen Betrachtung der Wahrheit selbst wirksamer ist als jene, die unter dem Gleichnis körperlicher Dinge vermittelt wird, denn sie kommt der himmlischen Schau näher, durch welche die Wahrheit in Gottes Wesen gesehen wird. Daraus folgt, dass die Prophetie, durch welche eine übernatürliche Wahrheit durch intellektuelle Schau gesehen wird, vorzüglicher ist als jene, in der eine übernatürliche Wahrheit mittels der Gleichnisse körperlicher Dinge in der Schau der Einbildungskraft offenbart wird.
Überdies erweist sich der Geist des Propheten dadurch als erhabener: so wie im menschlichen Unterricht der Hörer, der fähig ist, die bloße intelligible Wahrheit zu erfassen, die der Meister vorträgt, ein besseres Verständnis zu haben scheint als einer, der an die Hand genommen und mittels Beispielen aus sinnlichen Objekten unterstützt werden muss. Daher wird zum Lob der Prophetie Davids gesagt (2 Sam 23,3): „Der Starke Israels sprach zu mir“, und weiter unten (2 Sam 23,4): „Wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, am Morgen ohne Wolken strahlt.“
Antwort auf Einwand 1: Wenn eine bestimmte übernatürliche Wahrheit mittels körperlicher Bilder offenbart werden muss, ist derjenige, der beides hat, nämlich das intellektuelle Licht und die imaginative Schau, mehr ein Prophet als derjenige, der nur eines hat, weil seine Prophetie vollkommener ist; und in diesem Sinne spricht Augustinus, wie oben zitiert. Dennoch ist die Prophetie, in der die bloße intelligible Wahrheit offenbart wird, größer als alle.
Antwort auf Einwand 2: Dasselbe Urteil gilt nicht für Dinge, die um ihrer selbst willen gesucht werden, wie für Dinge, die um eines anderen willen gesucht werden. Denn bei Dingen, die um ihrer selbst willen gesucht werden, ist die Kraft des Agens umso wirksamer, je mehr sie sich auf zahlreichere und entferntere Objekte erstreckt; so wird ein Arzt höher geschätzt, wenn er fähig ist, mehr Menschen zu heilen, und solche, die weiter von der Gesundheit entfernt sind. Andererseits scheint bei Dingen, die nur um eines anderen willen gesucht werden, jenes Agens größere Kraft zu haben, das fähig ist, seinen Zweck mit weniger Mitteln und solchen, die näher zur Hand sind, zu erreichen: so wird dem Arzt mehr Lob zuteil, der fähig ist, einen Kranken mittels weniger und sanfterer Heilmittel zu heilen. Nun ist in der prophetischen Erkenntnis die imaginative Schau nicht um ihrer selbst willen erforderlich, sondern wegen der Offenbarung der intelligiblen Wahrheit. Daher ist die Prophetie umso vorzüglicher, je weniger sie ihrer bedarf.
Antwort auf Einwand 3: Die Tatsache, dass ein bestimmtes Prädikat auf eine Sache anwendbar ist und weniger eigentlich auf eine andere, hindert nicht, dass letztere schlechthin besser ist als erstere: so ist die Erkenntnis der Seligen vorzüglicher als die Erkenntnis des Pilgers, obwohl Glaube eigentlicher von der letzteren Erkenntnis ausgesagt wird, weil Glaube eine Unvollkommenheit der Erkenntnis impliziert. In gleicher Weise impliziert Prophetie eine gewisse Dunkelheit und Ferne von der intelligiblen Wahrheit; daher wird der Name Prophet eigentlicher auf jene angewandt, die durch imaginative Schau sehen. Und doch ist die vorzüglichere Prophetie jene, die durch intellektuelle Schau vermittelt wird, vorausgesetzt, dieselbe Wahrheit wird in beiden Fällen offenbart. Wenn jedoch das intellektuelle Licht einer Person göttlich eingegossen wird, nicht damit sie einige übernatürliche Dinge erkenne, sondern damit sie fähig sei, mit der Gewissheit der göttlichen Wahrheit über Dinge zu urteilen, die durch menschliche Vernunft erkannt werden können, so steht solche intellektuelle Prophetie unter jener, die durch eine imaginative Schau vermittelt wird, die zu einer übernatürlichen Wahrheit führt. Es war diese Art der Prophetie, die alle jene hatten, die in die Reihen der Propheten aufgenommen sind, welche überdies aus dem besonderen Grund Propheten genannt wurden, dass sie den Prophetenberuf offiziell ausübten. Daher sprachen sie als Stellvertreter Gottes und sagten zum Volk: „So spricht der Herr“: nicht so aber die Autoren der „heiligen Schriften“, von denen mehrere häufiger von Dingen handelten, die durch menschliche Vernunft erkannt werden können, nicht in Gottes Namen, sondern in ihrem eigenen, doch gleichwohl mit dem Beistand des göttlichen Lichts.
Antwort auf Einwand 4: Im gegenwärtigen Leben ist die Erleuchtung durch den göttlichen Strahl nicht gänzlich ohne irgendeinen Schleier von Phantasmen, weil es gemäß seinem gegenwärtigen Lebenszustand für den Menschen unnatürlich ist, nicht ohne ein Phantasma zu verstehen. Manchmal ist es jedoch ausreichend, Phantasmen zu haben, die auf gewöhnliche Weise von den Sinnen abstrahiert sind, ohne irgendeine göttlich gewährte imaginative Schau, und so wird gesagt, dass die prophetische Schau ohne imaginative Schau ist.