II-II, q. 172 a. 5
Ob irgendeine Prophetie von den Dämonen kommt?
Quaestio 172 · Von der Ursache der Prophetie
Einwand 1: Es scheint, dass keine Prophetie von den Dämonen kommt. Denn die Prophetie ist „eine göttliche Offenbarung“, gemäß Cassiodorus (Prol. in Psalt. 1). Aber das, was von einem Dämon getan wird, ist nicht göttlich. Also kann keine Prophetie von einem Dämon sein.
Einwand 2: Ferner ist eine gewisse Art von Erleuchtung für das prophetische Wissen erforderlich, wie oben gesagt wurde (Q. 171, Art. 2, 3). Nun erleuchten die Dämonen nicht den menschlichen Intellekt, wie oben im ersten Teil (Q. 119, Art. 3) gesagt wurde. Also kann keine Prophetie von den Dämonen kommen.
Einwand 3: Ferner ist ein Zeichen wertlos, wenn es Gegensätzliches bedeutet. Nun ist die Prophetie ein Zeichen zur Bestätigung des Glaubens; weshalb eine Glosse zu Röm 12,6 („Oder Prophetie, die dem Glauben gemäß ist“) sagt: „Beachte, dass er bei der Aufzählung der Gnadengaben mit der Prophetie beginnt, welche der erste Beweis für die Vernünftigkeit unseres Glaubens ist; da die Gläubigen, nachdem sie den Geist empfangen hatten, weissagten.“ Also kann die Prophetie nicht von den Dämonen verliehen werden.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (1 Kön 18,19): „Versammle mir ganz Israel auf dem Berg Karmel, und die Propheten des Baal, vierhundertfünfzig, und die Propheten der Aschera, vierhundert, die am Tisch Isebels essen.“ Nun waren diese Verehrer von Dämonen. Also scheint es, dass es auch eine Prophetie von den Dämonen gibt.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt wurde (Q. 171, Art. 1), Prophetie ein Wissen bezeichnet, das weit vom menschlichen Wissen entfernt ist. Nun ist es offensichtlich, dass ein Intellekt einer höheren Ordnung einige Dinge wissen kann, die weit vom Wissen eines niederen Intellekts entfernt sind. Wiederum gibt es über dem menschlichen Intellekt nicht nur den göttlichen Intellekt, sondern auch die Intellekte der guten und bösen Engel gemäß der Ordnung der Natur. Daher wissen die Dämonen, selbst durch ihr natürliches Wissen, gewisse Dinge, die dem Wissen der Menschen fernliegen, welche sie den Menschen offenbaren können: wenngleich jene Dinge, die Gott allein weiß, schlechthin und am meisten fernliegend sind.
Dementsprechend wird die Prophetie, eigentlich und schlechthin, allein durch göttliche Offenbarungen übermittelt; doch kann die Offenbarung, die durch die Dämonen geschieht, in einem eingeschränkten Sinne Prophetie genannt werden. Daher werden jene Menschen, denen etwas durch die Dämonen offenbart wird, in der Schrift als Propheten bezeichnet, nicht schlechthin, sondern mit einem Zusatz, zum Beispiel als „falsche Propheten“ oder „Propheten der Götzen“. Daher sagt Augustinus (Gen. ad lit. 12, 19): „Wenn der böse Geist einen Menschen für solche Zwecke wie diese ergreift“, nämlich Visionen, „macht er ihn entweder teuflisch oder besessen oder zu einem falschen Propheten.“
Zu Einwand 1: Cassiodorus definiert hier die Prophetie in ihrer eigentlichen und einfachen Bedeutung.
Zu Einwand 2: Die Dämonen offenbaren den Menschen, was sie wissen, nicht durch Erleuchtung des Intellekts, sondern durch eine imaginäre Vision oder sogar durch hörbare Rede; und auf diese Weise unterscheidet sich diese Prophetie von der wahren Prophetie.
Zu Einwand 3: Die Prophetie der Dämonen kann von der göttlichen Prophetie durch gewisse, und sogar äußere, Zeichen unterschieden werden. Daher sagt Chrysostomus, dass „einige durch den Geist des Teufels weissagen, wie die Wahrsager, aber sie können durch die Tatsache unterschieden werden, dass der Teufel manchmal Falsches äußert, der Heilige Geist niemals“. Daher steht geschrieben (Dtn 18,21.22): „Wenn du in deinem Herzen sprichst: Wie soll ich das Wort erkennen, das der Herr nicht geredet hat? Das sollst du als Zeichen haben: Wenn jener Prophet im Namen des Herrn weissagt und es trifft nicht ein, so hat der Herr dieses Wort nicht geredet.“