II-II, q. 172 a. 1
Ob die Prophetie natürlich sein kann?
Quaestio 172 · Von der Ursache der Prophetie
Einwand 1: Es scheint, dass die Prophetie natürlich sein kann. Denn Gregor sagt (Dial. 4, 26), dass „manchmal die bloße Kraft der Seele scharfsinnig genug ist, gewisse Dinge vorherzusehen“; und Augustinus sagt (Gen. ad lit. 12, 13), dass die menschliche Seele, insofern sie von den körperlichen Sinnen abgezogen ist, fähig ist, Zukünftiges vorherzusehen. Dies aber gehört zur Prophetie. Also kann die Seele die Prophetie auf natürliche Weise erlangen.
Einwand 2: Ferner ist die Erkenntnis der menschlichen Seele im Wachen reger als im Schlaf. Nun sehen einige im Schlaf auf natürliche Weise die Zukunft voraus, wie der Philosoph versichert (De Somn. et Vigil.). Umso mehr also kann ein Mensch auf natürliche Weise im Wachen die Zukunft vorherwissen.
Das Wissen um die Zukunft durch Träume kommt entweder durch die Offenbarung geistiger Substanzen oder durch eine körperliche Ursache, wie oben gesagt wurde (Q. 95, Art. 6), als wir von der Wahrsagerei handelten. Nun sind diese beiden Ursachen auf einen Schlafenden eher anwendbar als auf einen Wachenden, weil die Seele im Wachen mit den äußeren sinnlichen Dingen beschäftigt ist, so dass sie weniger empfänglich ist für die feinen Eindrücke entweder der geistigen Substanzen oder auch der natürlichen Ursachen; wenngleich hinsichtlich der Vollkommenheit des Urteils die Vernunft im Wachen reger ist als im Schlafen.
Einwand 3: Ferner ist der Mensch seiner Natur nach vollkommener als die stummen Tiere. Doch haben einige stumme Tiere ein Vorherwissen von zukünftigen Dingen, die sie betreffen. So wissen die Ameisen um den kommenden Regen, was daraus ersichtlich ist, dass sie Getreide in ihr Nest sammeln, bevor der Regen beginnt; und in gleicher Weise wissen die Fische um einen kommenden Sturm, was aus ihren Bewegungen geschlossen werden kann, mit denen sie Orte meiden, die dem Sturm ausgesetzt sind. Umso mehr also können Menschen die Zukunft vorherwissen, die sie selbst betrifft; und von solchen Dingen handelt die Prophetie. Also kommt die Prophetie aus der Natur.
Einwand 4: Ferner steht geschrieben (Spr 29,18): „Wenn die Prophetie fehlt, wird das Volk zerstreut werden“; woraus ersichtlich ist, dass die Prophetie für den Bestand des Menschengeschlechts notwendig ist. Nun „fehlt die Natur nicht im Notwendigen“ (Aristoteles, De Anima 3, 9). Also scheint es, dass die Prophetie von der Natur ist.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (2 Petr 1,21): „Denn niemals wurde eine Weissagung durch menschlichen Willen hervorgebracht, sondern vom Heiligen Geist getrieben haben die heiligen Menschen Gottes geredet.“ Also kommt die Prophetie nicht aus der Natur, sondern durch die Gabe des Heiligen Geistes.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt wurde (Q. 171, Art. 6, ad 2), das prophetische Vorherwissen sich auf zweifache Weise auf Zukünftiges beziehen kann: auf eine Weise, wie die Dinge in sich selbst sind; auf eine andere Weise, wie sie in ihren Ursachen sind. Nun ist es dem göttlichen Intellekt eigen, zukünftige Dinge vorherzuwissen, wie sie in sich selbst sind, da seiner Ewigkeit alle Dinge gegenwärtig sind, wie im ersten Teil (Q. 14, Art. 13) gesagt wurde. Daher kann ein solches Vorherwissen der Zukunft nicht aus der Natur kommen, sondern allein aus göttlicher Offenbarung. Andererseits können zukünftige Dinge in ihren Ursachen mit einer natürlichen Erkenntnis auch vom Menschen vorhergewusst werden: so weiß ein Arzt um die zukünftige Gesundheit oder den Tod aufgrund gewisser Ursachen, durch vorausgegangene Erfahrungswissenschaft über die Hinordnung jener Ursachen zu solchen Wirkungen. Ein solches Wissen um die Zukunft kann auf zweifache Weise als dem Menschen von Natur aus innewohnend verstanden werden. Auf eine Weise, dass die Seele aus dem, was sie in sich hat, fähig ist, die Zukunft vorherzuwissen, und so sagt Augustinus (Gen. ad lit. 12, 13): „Einige haben gemeint, die menschliche Seele enthalte eine gewisse Kraft der Wahrsagung.“ Dies scheint mit der Meinung Platons übereinzustimmen, der dafürhielt, dass unsere Seelen Wissen von allen Dingen haben durch die Teilhabe an den Ideen; dass aber dieses Wissen in ihnen durch die Vereinigung mit dem Körper verdunkelt ist; jedoch in einigen mehr, in anderen weniger, gemäß einem Unterschied in der körperlichen Reinheit. Demnach könnte man sagen, dass Menschen, deren Seelen durch die Vereinigung mit dem Körper nicht sehr verdunkelt sind, fähig sind, solches Zukünftige durch ihr eigenes Wissen vorherzuwissen. Gegen diese Meinung sagt Augustinus (Gen. ad lit. 12, 13): „Wie kommt es, dass die Seele diese Kraft der Wahrsagung nicht immer haben kann, da sie sie doch immer haben will?“
Da es jedoch gemäß der Meinung des Aristoteles wahrer scheint, dass die Seele das Wissen aus den sinnlichen Dingen erwirbt, wie im ersten Teil (Q. 84, Art. 6) gesagt wurde, ist es besser, zu einer anderen Erklärung Zuflucht zu nehmen und dafürzuhalten, dass die Menschen kein solches Vorherwissen der Zukunft haben, sondern dass sie es mittels der Erfahrung erwerben können, wobei sie durch ihre natürliche Disposition unterstützt werden, welche von der Vollkommenheit der Einbildungskraft des Menschen und der Klarheit seines Verstandes abhängt.
Dennoch unterscheidet sich dieses letztere Vorherwissen der Zukunft auf zweifache Weise von dem ersteren, welches durch göttliche Offenbarung kommt. Erstens, weil das erstere über beliebige Ereignisse sein kann, und dies unfehlbar; wohingegen das letztere Vorherwissen, das man natürlich haben kann, über gewisse Wirkungen ist, auf welche sich die menschliche Erfahrung erstrecken kann. Zweitens, weil die erstere Prophetie „gemäß der unwandelbaren Wahrheit“ ist (Q. 171, Art. 3, Obj. 1), während die letztere dies nicht ist und eine Falschheit beinhalten kann. Nun gehört das erstere Vorherwissen, und nicht das letztere, eigentlich zur Prophetie, weil, wie oben gesagt wurde (Q. 171, Art. 3), das prophetische Wissen von Dingen ist, die das menschliche Wissen von Natur aus übersteigen. Folglich müssen wir sagen, dass die Prophetie im eigentlichen Sinne nicht aus der Natur sein kann, sondern nur aus göttlicher Offenbarung.
Zu Einwand 1: Wenn die Seele von den körperlichen Dingen abgezogen ist, wird sie geeigneter, den Einfluss geistiger Substanzen zu empfangen, und ist auch geneigter, die feinen Bewegungen aufzunehmen, die in der menschlichen Einbildungskraft durch den Eindruck natürlicher Ursachen stattfinden, wohingegen sie daran gehindert wird, sie aufzunehmen, während sie mit sinnlichen Dingen beschäftigt ist. Daher sagt Gregor (Dial. 4, 26), dass „die Seele beim Herannahen des Todes gewisse zukünftige Dinge voraussieht aufgrund der Feinheit ihrer Natur“, insofern sie nämlich auch für geringe Eindrücke empfänglich ist. Oder wiederum weiß sie zukünftige Dinge durch eine Offenbarung der Engel; aber nicht aus eigener Kraft, weil gemäß Augustinus (Gen. ad lit. 12, 13), „wenn dies so wäre, sie fähig wäre, die Zukunft vorherzuwissen, wann immer sie wollte“, was offensichtlich falsch ist.
Zu Einwand 3: Selbst stumme Tiere haben kein Vorherwissen von zukünftigen Ereignissen, außer wie diese in ihren Ursachen vorhergewusst werden, wodurch ihre Einbildungskraft mehr bewegt wird als die des Menschen, weil die Einbildungskraft des Menschen, besonders im Wachen, mehr gemäß der Vernunft disponiert ist als gemäß dem Eindruck natürlicher Ursachen. Doch bewirkt die Vernunft im Menschen viel umfassender das, was der Eindruck natürlicher Ursachen in den stummen Tieren bewirkt; und die göttliche Gnade unterstützt den Menschen durch die Eingebung der Prophetie noch mehr.
Zu Einwand 4: Das prophetische Licht erstreckt sich sogar auf die Lenkung menschlicher Handlungen; und auf diese Weise ist die Prophetie für die Regierung eines Volkes erforderlich, besonders in Bezug auf den göttlichen Kult; da hierfür die Natur nicht ausreicht und die Gnade notwendig ist.