II-II, q. 172 a. 2
Ob die prophetische Offenbarung durch die Engel geschieht?
Quaestio 172 · Von der Ursache der Prophetie
Einwand 1: Es scheint, dass die prophetische Offenbarung nicht durch die Engel geschieht. Denn es steht geschrieben (Weish 7,27), dass die göttliche Weisheit „sich in heilige Seelen überträgt“ und „Freunde Gottes und Propheten macht“. Nun macht die Weisheit die Freunde Gottes unmittelbar. Also macht sie auch die Propheten unmittelbar und nicht durch die Vermittlung der Engel.
Einwand 2: Ferner wird die Prophetie zu den Gnadengaben (gratiae gratis datae) gerechnet. Aber die Gnadengaben sind vom Heiligen Geist, gemäß 1 Kor 12,4: „Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber es ist derselbe Geist.“ Also geschieht die prophetische Offenbarung nicht mittels eines Engels.
Einwand 3: Ferner sagt Cassiodorus (Prol. in Psalt. 1), dass die Prophetie eine „göttliche Offenbarung“ ist: wenn sie aber durch die Engel übermittelt würde, würde sie eine engelhafte Offenbarung genannt werden. Also wird die Prophetie nicht mittels der Engel verliehen.
Dagegen spricht, dass Dionysius sagt (Coel. Hier. 4): „Unsere glorreichen Väter empfingen göttliche Visionen mittels der himmlischen Mächte“; und er spricht dort von prophetischen Visionen. Also wird die prophetische Offenbarung mittels der Engel übermittelt.
Ich antworte darauf, dass, wie der Apostel sagt (Röm 13,1): „Was von Gott ist, ist wohlgeordnet.“ Nun ist die göttliche Ordnung gemäß Dionysius (Coel. Hier. 4; Eccl. Hier. 5) so beschaffen, dass die untersten Dinge durch die mittleren gelenkt werden. Nun nehmen die Engel eine mittlere Stellung zwischen Gott und den Menschen ein, insofern sie einen größeren Anteil an der Vollkommenheit der göttlichen Güte haben als die Menschen. Daher werden die göttlichen Erleuchtungen und Offenbarungen von Gott zu den Menschen durch die Engel übermittelt. Nun wird das prophetische Wissen durch göttliche Erleuchtung und Offenbarung verliehen. Also ist es offensichtlich, dass es durch die Engel übermittelt wird.
Zu Einwand 1: Die Liebe (caritas), die den Menschen zu einem Freund Gottes macht, ist eine Vollkommenheit des Willens, in welchen Gott allein einen Eindruck bilden kann; wohingegen die Prophetie eine Vollkommenheit des Intellekts ist, in welchen auch ein Engel einen Eindruck bilden kann, wie im ersten Teil (Q. 111, Art. 1) gesagt wurde, weshalb der Vergleich zwischen den beiden hinkt.
Zu Einwand 2: Die Gnadengaben werden dem Heiligen Geist als ihrem ersten Prinzip zugeschrieben: doch wirkt Er Gnade dieser Art in den Menschen mittels der Engel.
Zu Einwand 3: Das Werk des Instruments wird dem Hauptwirkenden zugeschrieben, durch dessen Kraft das Instrument handelt. Und da ein Diener wie ein Instrument ist, wird die prophetische Offenbarung, die durch den Dienst der Engel übermittelt wird, göttlich genannt.