II-II, q. 172 a. 4
Ob ein guter Lebenswandel für die Prophetie erforderlich ist?
Quaestio 172 · Von der Ursache der Prophetie
Einwand 1: Es scheint, dass ein guter Lebenswandel für die Prophetie erforderlich ist. Denn es steht geschrieben (Weish 7,27), dass die Weisheit Gottes „sich durch die Völker in heilige Seelen überträgt“ und „Freunde Gottes und Propheten macht“. Nun kann es keine Heiligkeit ohne einen guten Lebenswandel und die heiligmachende Gnade geben. Also kann die Prophetie nicht ohne einen guten Lebenswandel und die heiligmachende Gnade sein.
Einwand 2: Ferner werden Geheimnisse niemandem offenbart außer einem Freund, gemäß Joh 15,15: „Ich aber habe euch Freunde genannt, weil ich euch alles, was ich von meinem Vater gehört habe, kundgetan habe.“ Nun offenbart Gott Seine Geheimnisse den Propheten (Amos 3,7). Also scheint es, dass die Propheten die Freunde Gottes sind; was ohne die Liebe (caritas) unmöglich ist. Also kann die Prophetie scheinbar nicht ohne die Liebe sein; und die Liebe ist unmöglich ohne die heiligmachende Gnade.
Einwand 3: Ferner steht geschrieben (Mt 7,15): „Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe.“ Nun werden alle, die ohne Gnade sind, inwendig einem reißenden Wolf verglichen, und folglich sind alle solchen falsche Propheten. Also ist kein Mensch ein wahrer Prophet, außer er sei gut durch die Gnade.
Einwand 4: Ferner sagt der Philosoph (De Somn. et Vigil.), dass, „wenn die Deutung von Träumen von Gott ist, es unpassend ist, dass sie irgendjemandem außer den Besten verliehen wird“. Nun ist es offensichtlich, dass die Gabe der Prophetie von Gott ist. Also wird die Gabe der Prophetie nur den besten Menschen gewährt.
Dagegen spricht: Jenen, die gesagt hatten: „Herr, haben wir nicht in Deinem Namen geweissagt?“, wird diese Antwort gegeben: „Ich habe euch nie gekannt“ (Mt 7,22.23). Nun „kennt der Herr die Seinen“ (2 Tim 2,19). Also kann die Prophetie in jenen sein, die nicht durch die Gnade Gottes sind.
Ich antworte darauf, dass ein guter Lebenswandel unter zwei Gesichtspunkten betrachtet werden kann. Erstens in Bezug auf seine innere Wurzel, welche die heiligmachende Gnade ist. Zweitens in Bezug auf die inneren Leidenschaften der Seele und die äußeren Handlungen. Nun wird die heiligmachende Gnade hauptsächlich gegeben, damit die Seele des Menschen durch die Liebe mit Gott vereinigt werde. Daher sagt Augustinus (De Trin. 15, 18): „Ein Mensch wird nicht von der linken Seite auf die rechte versetzt, wenn er nicht den Heiligen Geist empfängt, durch Den er ein Liebender Gottes und seines Nächsten wird.“ Daher kann alles, was ohne die Liebe sein kann, ohne die heiligmachende Gnade sein und folglich ohne die Güte des Lebenswandels. Nun kann die Prophetie ohne die Liebe sein; und dies ist aus zwei Gründen klar. Erstens aufgrund ihrer jeweiligen Akte: denn die Prophetie gehört zum Intellekt, dessen Akt dem Akt des Willens vorausgeht, welche Kraft durch die Liebe vervollkommnet wird. Aus diesem Grund rechnet der Apostel (1 Kor 13) die Prophetie zu anderen Dingen, die zum Intellekt gehören, die ohne die Liebe gehabt werden können. Zweitens aufgrund ihrer jeweiligen Ziele. Denn die Prophetie wird wie andere Gnadengaben zum Nutzen der Kirche gegeben, gemäß 1 Kor 12,7: „Die Offenbarung des Geistes wird jedem zum Nutzen gegeben“; und sie ist nicht direkt dazu bestimmt, die Neigungen des Menschen mit Gott zu vereinigen, was der Zweck der Liebe ist. Also kann die Prophetie ohne einen guten Lebenswandel sein, was die erste Wurzel dieser Güte betrifft.
Wenn wir jedoch einen guten Lebenswandel in Bezug auf die Leidenschaften der Seele und die äußeren Handlungen betrachten, so ist unter diesem Gesichtspunkt ein böser Lebenswandel ein Hindernis für die Prophetie. Denn die Prophetie erfordert, dass der Geist sehr hoch erhoben wird, um geistige Dinge zu betrachten, und dies wird durch starke Leidenschaften und das ungeordnete Streben nach äußeren Dingen gehindert. Daher lesen wir von den Prophetensöhnen (2 Kön 4,38), dass sie „zusammen mit [Vulg.: ‚vor‘]“ Elisäus wohnten und gleichsam ein einsames Leben führten, damit weltliche Beschäftigung kein Hindernis für die Gabe der Prophetie sei.
Zu Einwand 1: Manchmal wird die Gabe der Prophetie einem Menschen sowohl zum Wohl anderer als auch zur Erleuchtung seines eigenen Geistes gegeben; und solche sind jene, die die göttliche Weisheit, indem sie sich durch die heiligmachende Gnade in ihren Geist „überträgt“, zu „Freunden Gottes und Propheten macht“. Andere jedoch empfangen die Gabe der Prophetie bloß zum Wohl anderer. Daher sagt Hieronymus im Kommentar zu Mt 7,22: „Manchmal werden das Weissagen, das Wirken von Wundern und das Austreiben von Dämonen nicht dem Verdienst jener gewährt, die diese Dinge tun, sondern entweder der Anrufung des Namens Christi oder zur Verurteilung jener, die anrufen, und zum Wohl jener, die sehen und hören.“
Zu Einwand 2: Gregor legt diese Stelle (Joh 15,15) aus und sagt: „Da wir die erhabenen Dinge des Himmels lieben, sobald wir sie hören, kennen wir sie, sobald wir sie lieben, denn lieben heißt kennen. Dementsprechend hatte Er ihnen alle Dinge kundgetan, weil sie, nachdem sie den irdischen Begierden entsagt hatten, von den Fackeln der vollkommenen Liebe entzündet waren.“ Auf diese Weise werden die göttlichen Geheimnisse nicht immer den Propheten offenbart.
Zu Einwand 3: Nicht alle bösen Menschen sind reißende Wölfe, sondern nur jene, deren Absicht es ist, andere zu schädigen. Denn Chrysostomus sagt, dass „katholische Lehrer, auch wenn sie Sünder sind, Sklaven des Fleisches genannt werden, aber niemals reißende Wölfe, weil sie nicht die Zerstörung der Christen beabsichtigen“. Und da die Prophetie auf das Wohl anderer ausgerichtet ist, ist es offenkundig, dass solche falsche Propheten sind, weil sie nicht zu diesem Zweck von Gott gesandt sind.
Zu Einwand 4: Gottes Gaben werden nicht immer jenen verliehen, die schlechthin die Besten sind, sondern manchmal werden sie jenen gewährt, die die Besten sind im Hinblick auf den Empfang dieser oder jener Gabe. Dementsprechend gewährt Gott die Gabe der Prophetie jenen, die Er für die Besten hält, um sie ihnen zu geben.