II-II, q. 172 a. 3
Ob für die Prophetie eine natürliche Disposition erforderlich ist?
Quaestio 172 · Von der Ursache der Prophetie
Einwand 1: Es scheint, dass eine natürliche Disposition für die Prophetie erforderlich ist. Denn die Prophetie wird vom Propheten gemäß der Disposition des Empfängers empfangen, da eine Glosse des Hieronymus zu Amos 1,2 („Der Herr wird von Zion brüllen“) sagt: „Wer einen Vergleich ziehen will, wendet sich natürlich jenen Dingen zu, von denen er Erfahrung hat und unter denen sein Leben verbracht wird. Zum Beispiel vergleichen Seeleute ihre Feinde mit den Winden und ihre Verluste mit einem Schiffbruch. In gleicher Weise vergleicht Amos, der ein Hirte war, die Furcht Gottes mit jener, die durch das Brüllen des Löwen eingeflößt wird.“ Nun erfordert das, was von einem Ding gemäß der Weise des Empfängers empfangen wird, eine natürliche Disposition. Also erfordert die Prophetie eine natürliche Disposition.
Einwand 2: Ferner sind die Betrachtungen der Prophetie erhabener als jene der erworbenen Wissenschaft. Nun hindert eine natürliche Indisposition die Betrachtungen der erworbenen Wissenschaft, da viele durch natürliche Indisposition daran gehindert werden, die Spekulationen der Wissenschaft zu erfassen. Umso mehr also ist eine natürliche Disposition für die Kontemplation der Prophetie erforderlich.
Einwand 3: Ferner ist eine natürliche Indisposition ein viel größeres Hindernis als ein zufälliges Hindernis. Nun werden die Betrachtungen der Prophetie durch ein zufälliges Ereignis gehindert. Denn Hieronymus sagt in seinem Kommentar zu Matthäus, dass „zur Zeit des ehelichen Aktes die Gegenwart des Heiligen Geistes nicht gewährt wird, selbst wenn es ein Prophet ist, der die Pflicht der Zeugung erfüllt“. Umso mehr also hindert eine natürliche Indisposition die Prophetie; und so scheint es, dass eine gute natürliche Disposition für die Prophetie erforderlich ist.
Dagegen spricht, dass Gregor in einer Homilie zu Pfingsten (30 in Ev.) sagt: „Er“, nämlich der Heilige Geist, „erfüllt den Knaben als Harfenspieler und macht ihn zum Psalmisten; Er erfüllt den Hirten, der wilde Feigen pflückt, und macht ihn zum Propheten.“ Also erfordert die Prophetie keine vorherige Disposition, sondern hängt allein vom Willen des Heiligen Geistes ab, von Dem geschrieben steht (1 Kor 12,11): „Dies alles wirkt ein und derselbe Geist, einem jeden zuteilend, wie Er will.“
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt wurde (Art. 1), die Prophetie in ihrem wahren und eigentlichen Sinne aus göttlicher Eingebung kommt; während das, was aus einer natürlichen Ursache kommt, nicht Prophetie genannt wird, außer in einem relativen Sinne. Nun müssen wir beachten, dass, wie Gott, Der die allgemeine Wirkursache ist, weder vorherige Materie noch eine vorherige Disposition der Materie bei Seinen körperlichen Wirkungen erfordert, denn Er ist fähig, im selben Augenblick Materie und Disposition und Form ins Dasein zu bringen, so erfordert Er auch keine vorherige Disposition bei Seinen geistigen Wirkungen, sondern ist fähig, sowohl die geistige Wirkung als auch zugleich die passende Disposition hervorzubringen, wie sie gemäß der Ordnung der Natur erforderlich ist. Mehr noch, Er ist fähig, zugleich durch Schöpfung das Subjekt hervorzubringen, um so eine Seele für die Prophetie zu disponieren und ihr die prophetische Gnade zu geben, im selben Augenblick ihrer Erschaffung.
Zu Einwand 1: Es ist für die Prophetie unerheblich, durch welche Vergleiche das Prophezeite ausgedrückt wird; und so bewirkt die göttliche Tätigkeit in dieser Hinsicht keine Änderung in einem Propheten. Doch wenn es etwas in ihm gibt, das mit der Prophetie unvereinbar ist, wird es durch die göttliche Macht entfernt.
Zu Einwand 2: Die Betrachtungen der Wissenschaft gehen aus einer natürlichen Ursache hervor, und die Natur kann nicht ohne eine vorherige Disposition in der Materie wirken. Dies kann nicht von Gott gesagt werden, Der die Ursache der Prophetie ist.
Zu Einwand 3: Eine natürliche Indisposition könnte, wenn sie nicht entfernt würde, ein Hindernis für die prophetische Offenbarung sein, zum Beispiel wenn ein Mensch der natürlichen Sinne gänzlich beraubt wäre. In gleicher Weise könnte ein Mensch am Akt des Prophezeiens durch irgendeine sehr starke Leidenschaft gehindert werden, sei es des Zorns oder der Begierde wie beim Beischlaf, oder durch irgendeine andere Leidenschaft. Aber eine solche natürliche Indisposition wie diese wird durch die göttliche Macht entfernt, welche die Ursache der Prophetie ist.