II-II, q. 171 a. 1
Ob die Prophetie zur Erkenntnis gehört?
Quaestio 171 · Von der Prophetie
Einwand 1: Es scheint, dass die Prophetie nicht zur Erkenntnis gehört. Denn es steht geschrieben (Sir 48,14), dass nach dem Tod der Leib des Elisäus weissagte, und weiter heißt es über Josef (Sir 49,18): „Man hatte auf seine Gebeine acht, und nach dem Tode weissagten sie.“ Nun verbleibt im Leib oder in den Gebeinen nach dem Tod keine Erkenntnis. Also gehört die Prophetie nicht zur Erkenntnis.
Einwand 2: Ferner steht geschrieben (1 Kor 14,3): „Wer aber weissagt, der redet zu den Menschen zur Erbauung.“ Nun ist das Reden nicht die Erkenntnis selbst, sondern deren Wirkung. Daher scheint es, dass die Prophetie nicht zur Erkenntnis gehört.
Einwand 3: Ferner schließt jede kognitive Vollkommenheit Torheit und Wahnsinn aus. Beides aber ist mit der Prophetie vereinbar; denn es steht geschrieben (Hos 9,7): „Wisse, Israel: Ein Narr ist der Prophet, wahnsinnig der Mann des Geistes.“ Also ist die Prophetie keine kognitive Vollkommenheit.
Einwand 4: Ferner, so wie die Offenbarung den Intellekt betrifft, so betrifft die Inspiration anscheinend die Affekte, da sie eine Art Bewegung bezeichnet. Nun wird die Prophetie nach Cassiodorus [*Prolog. super Psalt. i] als „Inspiration“ oder „Offenbarung“ beschrieben. Daher scheint es, dass die Prophetie nicht mehr den Intellekt betrifft als die Affekte.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (1 Sam 9,9): „Denn wer heute Prophet heißt, der hieß früher Seher.“ Das Sehen aber gehört zur Erkenntnis. Also gehört die Prophetie zur Erkenntnis.
Ich antworte darauf, dass die Prophetie zuerst und hauptsächlich in der Erkenntnis besteht, weil nämlich die Propheten Dinge erkennen, die weit [procul] von der menschlichen Erkenntnis entfernt sind. Daher kann man sagen, dass sie ihren Namen von phanos, „Erscheinung“, haben, weil ihnen Dinge von weither erscheinen. Deshalb sagt Isidor (Etym. vii, 8): „Im Alten Testament wurden sie Seher genannt, weil sie sahen, was andere nicht sahen, und Dinge überblickten, die im Geheimnis verborgen waren.“ Daher waren sie unter den Heidenvölkern als „vates“ bekannt, „wegen der Kraft ihres Geistes [vi mentis]“ (Etym. viii, 7).
Da jedoch geschrieben steht (1 Kor 12,7): „Die Offenbarung des Geistes wird einem jeden zum Nutzen gegeben“, und weiter (1 Kor 14,12): „Sucht danach, dass ihr zur Erbauung der Gemeinde Überfluss habt“, folgt daraus, dass die Prophetie zweitrangig im Reden besteht, insofern die Propheten zur Unterweisung anderer die Dinge verkünden, die sie durch göttliche Belehrung wissen, gemäß dem Wort aus Jes 21,10: „Was ich gehört habe vom Herrn der Heerscharen, dem Gott Israels, das habe ich euch verkündet.“ Dementsprechend können, wie Isidor sagt (Etym. viii, 7), „Propheten“ als „praefatores“ [Vorhersager] beschrieben werden, „weil sie von weither sprechen [porro fantur]“, das heißt, aus der Ferne reden „und die Wahrheit über kommende Dinge vorhersagen.“
Nun können jene Dinge, die über das menschliche Fassungsvermögen hinausgehen und von Gott offenbart werden, nicht durch die menschliche Vernunft bestätigt werden, da sie diese in Bezug auf das Wirken der göttlichen Macht übertreffen, gemäß Mk 16,20: „Sie aber zogen aus und predigten überall, und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die nachfolgenden Zeichen.“ Daher befasst sich die Prophetie drittens mit dem Wirken von Wundern, als eine Art Bestätigung der prophetischen Aussagen. Deshalb steht geschrieben (Dtn 34,10.11): „Es stand hinfort kein Prophet in Israel auf wie Mose, den der Herr von Angesicht zu Angesicht kannte, in all den Zeichen und Wundern.“
Antwort auf Einwand 1: Diese Stellen sprechen von der Prophetie in Bezug auf den dritten eben genannten Punkt, welcher den Beweis der Prophetie betrifft.
Antwort auf Einwand 2: Der Apostel spricht dort von den prophetischen Aussagen.
Antwort auf Einwand 3: Jene Propheten, die als töricht und wahnsinnig beschrieben werden, sind keine wahren, sondern falsche Propheten, von denen gesagt wird (Jer 23,16): „Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen und euch täuschen; sie reden das Gesicht ihres eigenen Herzens und nicht aus dem Mund des Herrn“, und (Ez 13,3): „Wehe den törichten Propheten, die ihrem eigenen Geist folgen und nichts sehen.“
Antwort auf Einwand 4: Für die Prophetie ist es erforderlich, dass die Intention des Geistes zur Wahrnehmung göttlicher Dinge erhoben wird: daher steht geschrieben (Ez 2,1): „Menschensohn, stell dich auf deine Füße, und ich werde mit dir reden.“ Diese Erhebung der Intention wird durch die Bewegung des Heiligen Geistes bewirkt, weshalb der Text fortfährt: „Und der Geist kam in mich ... und stellte mich auf meine Füße.“ Nachdem die Intention des Geistes zu den himmlischen Dingen erhoben wurde, nimmt er die Dinge Gottes wahr; daher fährt der Text fort: „Und ich hörte ihn zu mir reden.“ Dementsprechend ist die Inspiration für die Prophetie erforderlich, was die Erhebung des Geistes betrifft, gemäß Ijob 32,8: „Die Inspiration des Allmächtigen gibt Verstand“; während die Offenbarung notwendig ist, was die eigentliche Wahrnehmung der göttlichen Dinge betrifft, wodurch die Prophetie vollendet wird; durch sie wird der Schleier der Dunkelheit und Unwissenheit entfernt, gemäß Ijob 12,22: „Er enthüllt Tiefes aus der Finsternis.“