II-II, q. 161 a. 4
Ob die Demut ein Teil der Bescheidenheit oder der Mäßigung ist?
Quaestio 161 · Von der Demut
Einwand 1: Es scheint, dass die Demut kein Teil der Bescheidenheit oder der Mäßigung ist. Denn die Demut betrifft hauptsächlich die Ehrfurcht, wodurch man Gott unterworfen ist, wie oben gesagt (Artikel [3]). Nun gehört es zu einer theologischen Tugend, Gott zum Objekt zu haben. Daher sollte die Demut eher als eine theologische Tugend gerechnet werden denn als ein Teil der Mäßigung oder Bescheidenheit.
Einwand 2: Weiter ist die Mäßigung im Begehrlichen (concupiscibilis), während die Demut im Zornmütigen (irascibilis) zu sein scheint, ebenso wie der Stolz, der ihr entgegengesetzt ist und dessen Objekt etwas Schwieriges ist. Daher ist die Demut scheinbar kein Teil der Mäßigung oder Bescheidenheit.
Einwand 3: Weiter haben Demut und Hochherzigkeit dasselbe Objekt, wie oben gesagt (Artikel [1], ad 3). Aber die Hochherzigkeit wird als ein Teil nicht der Mäßigung, sondern der Tapferkeit gerechnet, wie oben gesagt (Frage [129], Artikel [5]). Daher scheint es, dass die Demut kein Teil der Mäßigung oder Bescheidenheit ist.
Dagegen spricht, dass Origenes sagt (Hom. viii super Luc.): „Wenn du den Namen dieser Tugend hören willst und wie sie von den Philosophen genannt wurde, wisse, dass die Demut, auf die Gott schaut, dasselbe ist wie das, was sie {metriotes} nannten, d.h. Maß oder Mäßigung.“ Dies gehört nun offensichtlich zur Bescheidenheit oder Mäßigung. Also ist die Demut ein Teil der Bescheidenheit oder Mäßigung.
Ich antworte darauf, dass wir, wie oben gesagt (Frage [137], Artikel [2], ad 1; Frage [157], Artikel [3], ad 2), bei der Zuordnung von Teilen zu einer Tugend hauptsächlich die Ähnlichkeit betrachten, die sich aus dem Modus der Tugend ergibt. Nun ist der Modus der Mäßigung, woher sie hauptsächlich ihr Lob bezieht, die Zügelung oder Unterdrückung des Ungestüms einer Leidenschaft. Daher werden alle Tugenden, die zügeln oder unterdrücken, und die Handlungen, die das Ungestüm der Emotionen mäßigen, als Teile der Mäßigung gerechnet. Nun unterdrückt die Demut ebenso wie die Sanftmut die Bewegung des Zorns unterdrückt, die Bewegung der Hoffnung, welche die Bewegung eines Geistes ist, der nach großen Dingen strebt. Weshalb die Demut, wie die Sanftmut, als ein Teil der Mäßigung angesehen wird. Aus diesem Grund sagt der Philosoph (Ethic. iv, 3), dass ein Mensch, der nach kleinen Dingen strebt im Verhältnis zu seiner Art, nicht hochherzig, sondern „mäßig“ ist, und einen solchen Menschen können wir demütig nennen. Überdies wird aus dem oben genannten Grund (Frage [160], Artikel [2]) unter den verschiedenen Teilen der Mäßigung jener, unter dem die Demut enthalten ist, Bescheidenheit genannt, wie sie von Tullius (De Invent. Rhet. ii, 54) verstanden wird, insofern die Demut nichts anderes ist als eine Mäßigung des Geistes: weshalb geschrieben steht (1 Petr 3,4): „In der Unvergänglichkeit eines stillen und sanften Geistes.“
Antwort auf Einwand 1: Die theologischen Tugenden, deren Objekt unser letztes Ziel ist, welches das erste Prinzip in Angelegenheiten des Begehrens ist, sind die Ursachen aller anderen Tugenden. Daher hindert die Tatsache, dass die Demut durch Ehrfurcht vor Gott verursacht wird, sie nicht daran, ein Teil der Bescheidenheit oder Mäßigung zu sein.
Antwort auf Einwand 2: Teile werden einer Haupttugend aufgrund einer Gleichheit nicht des Subjekts oder der Materie, sondern des formalen Modus zugeordnet, wie oben gesagt (Frage [137], Artikel [2], ad 1; Frage [157], Artikel [3], ad 2). Folglich wird die Demut, obwohl sie im Zornmütigen als ihrem Subjekt ist, aufgrund ihres Modus als ein Teil der Bescheidenheit oder Mäßigung zugeordnet.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl Demut und Hochherzigkeit hinsichtlich der Materie übereinstimmen, unterscheiden sie sich hinsichtlich des Modus, aufgrund dessen die Hochherzigkeit als ein Teil der Tapferkeit und die Demut als ein Teil der Mäßigung gerechnet wird.