II-II, q. 161 a. 2
Ob die Demut das Begehrungsvermögen betrifft?
Quaestio 161 · Von der Demut
Einwand 1: Es scheint, dass die Demut nicht das Begehrungsvermögen, sondern das Urteil der Vernunft betrifft. Denn die Demut ist dem Stolz entgegengesetzt. Der Stolz aber betrifft Dinge, die zur Erkenntnis gehören: denn Gregor sagt (Moral. xxxiv, 22), dass „der Stolz, wenn er sich äußerlich auf den Körper erstreckt, zuerst in den Augen gezeigt wird“: weshalb geschrieben steht (Ps 130,1): „Herr, mein Herz ist nicht hochfahrend, noch sind meine Augen stolz.“ Nun sind die Augen die wichtigsten Hilfsmittel der Erkenntnis. Daher scheint es, dass die Demut hauptsächlich mit der Erkenntnis befasst ist, wodurch man gering von sich denkt.
Einwand 2: Weiter sagt Augustinus (De Virginit. xxxi), dass „fast die ganze christliche Lehre Demut ist.“ Folglich ist nichts, was in der christlichen Lehre enthalten ist, mit der Demut unvereinbar. Nun ermahnt uns die christliche Lehre, das Bessere zu suchen, gemäß 1 Kor 12,31: „Eifert nach den besseren Gaben.“ Daher gehört es zur Demut, nicht das Verlangen nach schwierigen Dingen zu zügeln, sondern deren Einschätzung.
Einwand 3: Weiter gehört es zu derselben Tugend, sowohl übermäßige Bewegung zu zügeln als auch die Seele gegen übermäßiges Zurückweichen zu stärken: so zügelt die Tapferkeit sowohl die Waghalsigkeit und stärkt die Seele gegen die Furcht. Nun ist es die Hochherzigkeit, die die Seele gegen die Schwierigkeiten stärkt, die beim Streben nach großen Dingen auftreten. Wenn also die Demut das Verlangen nach großen Dingen zügeln würde, folgte daraus, dass die Demut keine von der Hochherzigkeit verschiedene Tugend ist, was offensichtlich falsch ist. Daher befasst sich die Demut nicht mit dem Verlangen, sondern mit der Einschätzung großer Dinge.
Einwand 4: Weiter ordnet Andronicus [*De Affectibus] die Demut dem äußeren Schein zu; denn er sagt, dass Demut „der Habitus ist, übermäßigen Aufwand und Prunk zu vermeiden.“ Daher befasst sie sich nicht mit der Bewegung des Begehrungsvermögens.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Poenit. [*Serm. cccli]), dass „der demütige Mensch jener ist, der es vorzieht, ein Verachteter im Hause des Herrn zu sein, anstatt in den Zelten der Sünder zu wohnen.“ Die Wahl aber betrifft das Begehrungsvermögen. Daher hat die Demut eher mit dem Begehrungsvermögen als mit der Schätzkraft zu tun.
Ich antworte darauf, dass es, wie oben gesagt (Artikel [1]), eigentlich zur Demut gehört, dass ein Mensch sich zurückhält, damit er nicht zu dem hingetragen wird, was über ihm ist. Zu diesem Zweck muss er sein Missverhältnis zu dem erkennen, was seine Fähigkeit übersteigt. Daher gehört die Erkenntnis des eigenen Mangels zur Demut, als eine Regel, die das Begehren leitet. Dennoch ist die Demut wesentlich im Begehrungsvermögen selbst; und folglich muss gesagt werden, dass die Demut eigentlich die Bewegung des Begehrungsvermögens mäßigt.
Antwort auf Einwand 1: Stolze Augen sind ein Zeichen von Stolz, insofern er Respekt und Furcht ausschließt: denn fürchtende und respektvolle Personen pflegen besonders die Augen zu senken, als ob sie nicht wagten, sich mit anderen zu vergleichen. Aber daraus folgt nicht, dass die Demut wesentlich mit der Erkenntnis befasst ist.
Antwort auf Einwand 2: Es ist der Demut entgegengesetzt, durch Vertrauen auf die eigenen Kräfte nach größeren Dingen zu streben: aber durch Vertrauen auf Gottes Hilfe nach größeren Dingen zu streben, ist der Demut nicht entgegengesetzt; besonders da man, je mehr man sich Gott unterwirft, desto mehr in Gottes Augen erhöht wird. Daher sagt Augustinus (De Virginit. xxxi): „Es ist eine Sache, sich zu Gott zu erheben, und eine andere, sich gegen Gott zu erheben. Wer sich vor Ihm erniedrigt, den erhöht Er; wer sich gegen Ihn erhebt, den wirft Er nieder.“
Antwort auf Einwand 3: Bei der Tapferkeit gibt es denselben Grund für das Zügeln der Waghalsigkeit und für das Stärken der Seele gegen die Furcht: da der Grund in beiden Fällen ist, dass der Mensch das Gut der Vernunft vor die Gefahren des Todes stellen soll. Aber der Grund für das Zügeln der vermessenen Hoffnung, was zur Demut gehört, ist nicht derselbe wie der Grund für das Stärken der Seele gegen die Verzweiflung. Denn der Grund für das Stärken der Seele gegen die Verzweiflung ist der Erwerb des eigenen Gutes, damit der Mensch sich nicht durch Verzweiflung eines Gutes unwürdig macht, das ihm zukam; während der Hauptgrund für das Unterdrücken der vermessenen Hoffnung auf der göttlichen Ehrfurcht beruht, die zeigt, dass der Mensch sich nicht mehr zuschreiben soll, als ihm gemäß der Position zukommt, in die Gott ihn gestellt hat. Weshalb die Demut an erster Stelle die Unterwerfung des Menschen unter Gott zu bezeichnen scheint; und aus diesem Grund schreibt Augustinus (De Serm. Dom. in Monte i, 4) die Demut, die er unter Armut im Geiste versteht, der Gabe der Furcht zu, wodurch der Mensch Gott verehrt. Daraus folgt, dass das Verhältnis der Tapferkeit zur Waghalsigkeit sich von dem der Demut zur Hoffnung unterscheidet. Denn die Tapferkeit gebraucht die Waghalsigkeit mehr, als sie sie unterdrückt: so dass ein Übermaß an Waghalsigkeit der Tapferkeit ähnlicher ist als ein Mangel an Waghalsigkeit. Andererseits unterdrückt die Demut die Hoffnung oder das Selbstvertrauen mehr, als sie es gebraucht; weshalb übermäßiges Selbstvertrauen der Demut mehr entgegengesetzt ist als Mangel an Vertrauen.
Antwort auf Einwand 4: Übermaß in äußerem Aufwand und Prunk geschieht gewöhnlich in der Absicht zu prahlen, was durch die Demut unterdrückt wird. Dementsprechend hat die Demut in sekundärer Weise mit Äußerlichkeiten zu tun, als Zeichen der inneren Bewegung des Begehrungsvermögens.