II-II, q. 122 a. 4
Ob die dritte Vorschrift des Dekalogs, betreffend die Heiligung des Sabbats, angemessen ausgedrückt ist?
Quaestio 122 · Von den Geboten der Gerechtigkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die dritte Vorschrift des Dekalogs, betreffend die Heiligung des Sabbats, unangemessen ausgedrückt ist. Denn dies ist, geistlich verstanden, eine allgemeine Vorschrift: da Beda im Kommentar zu Lk 13,14, „Der Synagogenvorsteher wurde zornig, dass Er am Sabbat geheilt hatte“, sagt (Comment. iv): „Das Gesetz verbietet nicht, den Menschen am Sabbat zu heilen, sondern knechtische Werke zu tun“, d.h. „sich mit Sünde zu belasten“. Wörtlich genommen ist es eine zeremonielle Vorschrift, denn es steht geschrieben (Ex 31,13): „Seht zu, dass ihr meinen Sabbat haltet: denn es ist ein Zeichen zwischen mir und euch in euren Generationen.“ Nun sind die Vorschriften des Dekalogs sowohl geistlich als auch moralisch. Daher ist sie unangemessen unter den Vorschriften des Dekalogs platziert.
Einwand 2: Ferner enthalten die zeremoniellen Vorschriften des Gesetzes „heilige Dinge, Opfer, Sakramente und Observanzen“, wie oben gesagt (FS, Frage [101], Artikel [4]). Nun umfassten heilige Dinge nicht nur heilige Tage, sondern auch heilige Orte und heilige Gefäße und so weiter. Zudem gab es viele andere heilige Tage als den Sabbat. Daher war es unangemessen, alle anderen zeremoniellen Observanzen wegzulassen und nur die des Sabbats zu erwähnen.
Einwand 3: Ferner sündigt jeder, der eine Vorschrift des Dekalogs bricht. Aber im Alten Gesetz sündigten einige nicht, die die Observanzen des Sabbats brachen – zum Beispiel jene, die ihre Söhne am achten Tag beschnitten, und die Priester, die am Sabbat im Tempel arbeiteten. Auch Elias (3 Kön 19), der vierzig Tage zum Gottesberg Horeb wanderte, muss an einem Sabbat gereist sein: auch die Priester, die die Lade des Herrn sieben Tage lang trugen, wie in Josua 7 berichtet, müssen so verstanden werden, dass sie sie an einem Sabbat getragen haben. Wiederum steht geschrieben (Lk 13,15): „Bindet nicht jeder von euch am Sabbattag seinen Ochsen oder seinen Esel los ... und führt sie zur Tränke?“ Daher ist sie unangemessen unter den Vorschriften des Dekalogs platziert.
Einwand 4: Ferner müssen die Vorschriften des Dekalogs auch unter dem Neuen Gesetz beobachtet werden. Doch im Neuen Gesetz wird diese Vorschrift nicht beobachtet, weder im Punkt des Sabbattages noch hinsichtlich des Tages des Herrn, an dem Menschen ihr Essen kochen, reisen, fischen und viele ähnliche Dinge tun. Daher ist die Vorschrift der Sabbatobservanz unangemessen ausgedrückt.
Dagegen spricht die Autorität der Schrift.
Ich antworte darauf, dass, nachdem die Hindernisse für die wahre Religion durch die erste und zweite Vorschrift des Dekalogs entfernt wurden, wie oben gesagt (Artikel [2], 3), es für die dritte Vorschrift verblieb, gegeben zu werden, wodurch der Mensch in der wahren Religion gefestigt wird. Nun gehört es zur Religion, Gott Verehrung zu geben: und so wie die göttlichen Schriften die innere Verehrung unter dem Gewand gewisser körperlicher Ähnlichkeiten lehren, so wird Gott äußere Verehrung unter dem Gewand sinnlicher Zeichen gegeben. Und da der Mensch zumeist durch die innere Anregung des Heiligen Geistes dazu bewegt wird, innere Verehrung zu zollen, die in Gebet und Andacht besteht, war eine Vorschrift des Gesetzes notwendig bezüglich der äußeren Verehrung, die in sinnlichen Zeichen besteht. Nun sind die Vorschriften des Dekalogs sozusagen erste und allgemeine Prinzipien des Gesetzes, und folglich beschreibt die dritte Vorschrift des Dekalogs die äußere Verehrung Gottes als das Zeichen einer universellen Wohltat, die alle betrifft. Diese universelle Wohltat war das Werk der Schöpfung der Welt, von welchem Werk Gott, wie gesagt wird, am siebten Tag ruhte: und zum Zeichen dessen wird uns befohlen, den siebten Tag heilig zu halten – das heißt, ihn als einen Tag auszusondern, der Gott gegeben werden soll. Daher wird nach der Vorschrift über die Heiligung des Sabbats der Grund dafür angegeben: „Denn in sechs Tagen machte der Herr Himmel und Erde ... und ruhte am siebten Tag.“
Zu Einwand 1: Die Vorschrift über die Heiligung des Sabbats, wörtlich verstanden, ist teils moralisch und teils zeremoniell. Sie ist eine moralische Vorschrift in dem Punkt, dass sie dem Menschen befiehlt, eine gewisse Zeit auszusondern, um sie göttlichen Dingen zu widmen. Denn es gibt im Menschen eine natürliche Neigung, eine gewisse Zeit für jede notwendige Sache auszusondern, wie für die Erfrischung des Körpers, Schlaf und so weiter. Daher sondert der Mensch gemäß dem Diktat der Vernunft eine gewisse Zeit für die geistliche Erfrischung aus, durch welche der Geist des Menschen in Gott erfrischt wird. Und so ist es Gegenstand einer moralischen Vorschrift, eine gewisse Zeit ausgesondert zu haben, um sich mit göttlichen Dingen zu beschäftigen. Aber insofern diese Vorschrift die Zeit als ein Zeichen spezialisiert, das die Schöpfung der Welt repräsentiert, ist sie eine zeremonielle Vorschrift. Wiederum ist sie eine zeremonielle Vorschrift in ihrer allegorischen Bedeutung, als repräsentativ für die Ruhe Christi im Grab am siebten Tag: auch in ihrer moralischen Bedeutung, als repräsentativ für das Aufhören aller sündhaften Akte und die Ruhe des Geistes in Gott, in welchem Sinne sie auch eine allgemeine Vorschrift ist. Wiederum ist sie eine zeremonielle Vorschrift in ihrer anagogischen Bedeutung, als Vorattung des Genusses Gottes im Himmel. Daher ist die Vorschrift über die Heiligung des Sabbats unter den Vorschriften des Dekalogs platziert als eine moralische, aber nicht als eine zeremonielle Vorschrift.
Zu Einwand 2: Die anderen Zeremonien des Gesetzes sind Zeichen gewisser besonderer göttlicher Werke: aber die Observanz des Sabbats ist repräsentativ für eine allgemeine Wohltat, nämlich die Hervorbringung aller Geschöpfe. Daher war es passend, dass sie unter den allgemeinen Vorschriften des Dekalogs platziert wurde, eher als irgendeine andere zeremonielle Vorschrift des Gesetzes.
Zu Einwand 3: Zwei Dinge sind bei der Heiligung des Sabbats zu beachten. Eines davon ist das Ziel: und dies ist, dass der Mensch sich mit göttlichen Dingen beschäftigt, und wird bezeichnet in den Worten: „Gedenke, dass du den Sabbattag heiligst.“ Denn im Gesetz werden jene Dinge heilig genannt, die dem göttlichen Kult gewidmet sind. Das andere Ding ist das Aufhören von der Arbeit, und wird bezeichnet in den Worten (Ex 20,11): „Am siebten Tag ... sollst du kein Werk tun.“ Die Art der gemeinten Arbeit geht aus Lev 23,3 hervor: „Ihr sollt kein knechtisches Werk an diesem Tag tun [*Vulg.: 'Ihr sollt kein Werk an diesem Tag tun'].“ Nun wird knechtische Arbeit von Knechtschaft (Servitut) so genannt: und Knechtschaft ist dreifach. Eine, wodurch der Mensch der Knecht der Sünde ist, gemäß Joh 8,34: „Wer Sünde tut, ist der Knecht der Sünde“, und in diesem Sinne sind alle sündhaften Akte knechtisch. Eine andere Knechtschaft ist die, wodurch ein Mensch einem anderen dient. Nun dient ein Mensch einem anderen nicht mit seinem Geist, sondern mit seinem Körper, wie oben gesagt (Frage [104], Artikel [5], 6, zu 1). Daher werden in dieser Hinsicht jene Werke knechtisch genannt, wodurch ein Mensch einem anderen dient. Die dritte ist die Knechtschaft Gottes; und auf diese Weise kann das Werk der Verehrung, welches zum Dienst Gottes gehört, ein knechtisches Werk genannt werden. In diesem Sinne ist knechtische Arbeit am Sabbattag nicht verboten, weil das dem Ziel der Sabbatobservanz widerspräche: da der Mensch sich am Sabbattag von anderen Werken enthält, damit er sich mit Werken beschäftigen kann, die mit Gottes Dienst verbunden sind. Aus diesem Grund, gemäß Joh 7,23, „empfängt ein Mensch [*Vulg.: 'Wenn ein Mensch', etc.] die Beschneidung am Sabbattag, damit das Gesetz des Mose nicht gebrochen werde“: und aus diesem Grund lesen wir auch (Mt 12,5), dass „am Sabbat die Priester im Tempel den Sabbat brechen“, d.h. körperliche Werke am Sabbat tun, „und ohne Schuld sind“. Dementsprechend brachen die Priester, indem sie die Lade am Sabbat trugen, nicht die Vorschrift der Sabbatobservanz. In gleicher Weise ist es nicht gegen die Observanz des Sabbats, irgendeinen geistlichen Akt auszuüben, wie Lehren durch Wort oder Schrift. Weshalb eine Glosse zu Num 28 sagt, dass „Schmiede und ähnliche Handwerker am Sabbattag ruhen, aber der Vorleser oder Lehrer des göttlichen Gesetzes nicht von seiner Arbeit ablässt. Doch entweiht er den Sabbat nicht, so wie auch die Priester im Tempel den Sabbat brechen und ohne Schuld sind.“ Andererseits stehen jene Werke, die auf die erste oder zweite Weise knechtisch genannt werden, im Gegensatz zur Observanz des Sabbats, insofern sie den Menschen daran hindern, sich göttlichen Dingen zu widmen. Und da der Mensch eher durch sündhafte als durch erlaubte, wenn auch körperliche Werke daran gehindert wird, sich göttlichen Dingen zu widmen, folgt daraus, dass an einem Festtag zu sündigen mehr gegen diese Vorschrift ist, als irgendein anderes, aber erlaubtes körperliches Werk zu tun. Daher sagt Augustinus (De decem chord. iii): „Es wäre besser, wenn der Jude irgendeine nützliche Arbeit auf seinem Feld täte, als seine Zeit aufrührerisch im Theater zu verbringen: und ihre Frauen täten besser daran, am Sabbat Leinen zu weben, als den ganzen Tag bei ihren Neumondfesten unzüchtig zu tanzen.“ Es ist jedoch nicht gegen diese Vorschrift, lässlich am Sabbat zu sündigen, weil die lässliche Sünde die Heiligkeit nicht zerstört.
Wiederum werden körperliche Werke, die nicht zur geistlichen Verehrung Gottes gehören, insofern knechtisch genannt, als sie eigentlich zu Knechten gehören; während sie nicht knechtisch genannt werden, insofern sie denen gemeinsam sind, die dienen, und denen, die frei sind. Zudem ist jeder, sei er Knecht oder frei, verpflichtet, das Notwendige sowohl für sich selbst als auch für seinen Nächsten bereitzustellen, hauptsächlich in Bezug auf Dinge, die das Wohlergehen des Körpers betreffen, gemäß Spr 24,11: „Befreie jene, die zum Tode geführt werden“: zweitens hinsichtlich der Vermeidung von Schaden am Eigentum, gemäß Dtn 22,1: „Du sollst nicht vorübergehen, wenn du den Ochsen deines Bruders oder sein Schaf irregehen siehst, sondern du sollst sie deinem Bruder zurückbringen.“ Daher entweiht ein körperliches Werk, das der Erhaltung des eigenen körperlichen Wohlergehens dient, den Sabbat nicht: denn es ist nicht gegen die Observanz des Sabbats, zu essen und solche Dinge zu tun, die die Gesundheit des Körpers erhalten. Aus diesem Grund entweihten die Makkabäer den Sabbat nicht, als sie am Sabbattag zur Selbstverteidigung kämpften (1 Makk 2), noch Elias, als er vor dem Angesicht Isebels am Sabbat floh. Aus demselben Grund entschuldigte unser Herr (Mt 12,3) seine Jünger dafür, dass sie Ähren pflückten wegen der Not, die sie litten. In gleicher Weise steht ein körperliches Werk, das auf das körperliche Wohlergehen eines anderen gerichtet ist, nicht im Gegensatz zur Observanz des Sabbats: weshalb geschrieben steht (Joh 7,23): „Zürnt ihr mir, weil ich den ganzen Menschen am Sabbattag gesund gemacht habe?“ Und wiederum entweiht ein körperliches Werk, das getan wird, um einen drohenden Schaden an einer äußeren Sache abzuwenden, den Sabbat nicht, weshalb unser Herr sagt (Mt 12,11): „Welcher Mensch ist unter euch, der ein Schaf hat, und wenn dieses am Sabbattag in eine Grube fällt, wird er es nicht ergreifen und herausheben?“
Zu Einwand 4: Im Neuen Gesetz trat die Observanz des Tages des Herrn an die Stelle der Observanz des Sabbats, nicht kraft der Vorschrift, sondern durch die Einsetzung der Kirche und den Brauch des christlichen Volkes. Denn diese Observanz ist nicht bildhaft, wie es die Observanz des Sabbats im Alten Gesetz war. Daher ist das Verbot, am Tag des Herrn zu arbeiten, nicht so streng wie am Sabbat: und gewisse Werke sind am Tag des Herrn erlaubt, die am Sabbat verboten waren, wie das Kochen von Speisen und so weiter. Und wiederum wird im Neuen Gesetz leichter Dispens gewährt als im Alten, in der Angelegenheit gewisser verbotener Werke, aufgrund ihrer Notwendigkeit, weil das Bild zur Bezeugung der Wahrheit gehört, welche zu unterlassen selbst in kleinen Dingen unerlaubt ist; während Werke, in sich selbst betrachtet, hinsichtlich Ort und Zeit veränderlich sind.