II-II, q. 122 a. 2
Ob die erste Vorschrift des Dekalogs angemessen ausgedrückt ist?
Quaestio 122 · Von den Geboten der Gerechtigkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die erste Vorschrift des Dekalogs unangemessen ausgedrückt ist. Denn der Mensch ist Gott mehr verpflichtet als seinem leiblichen Vater, gemäß Hebr 12,9: „Wieviel mehr werden wir [Vulg.: 'werden wir nicht viel mehr'] dem Vater der Geister gehorchen und leben?“ Nun ist die Vorschrift der Pietät, wodurch der Mensch seinen Vater ehrt, affirmativ ausgedrückt in den Worten: „Ehre deinen Vater und deine Mutter.“ Viel mehr sollte daher die erste Vorschrift der Religion, wodurch alle Gott ehren, affirmativ ausgedrückt sein, zumal die Bejahung von Natur aus vor der Verneinung kommt.
Einwand 2: Ferner gehört die erste Vorschrift des Dekalogs zur Religion, wie oben gesagt (Artikel [1]). Nun hat die Religion, da sie eine Tugend ist, einen Akt. Doch in der ersten Vorschrift werden drei Akte verboten: denn wir lesen erstens: „Du sollst keine fremden Götter neben mir haben“; zweitens: „Du sollst dir kein Schnitzbild machen“; und drittens: „Du sollst sie nicht anbeten noch ihnen dienen.“ Daher ist die erste Vorschrift unangemessen ausgedrückt.
Einwand 3: Ferner sagt Augustinus (De decem chord. ix), dass „die erste Vorschrift die Sünde des Aberglaubens verbietet“. Aber es gibt viele üble Aberglauben außer dem Götzendienst, wie oben gesagt (Frage [92], Artikel [2]). Daher war es unzureichend, den Götzendienst allein zu verbieten.
Dagegen spricht die Autorität der Schrift.
Ich antworte darauf, dass es zum Gesetz gehört, die Menschen gut zu machen, weshalb es sich geziemte, die Vorschriften des Gesetzes gemäß der Ordnung des Werdens anzuordnen, nämlich der Ordnung, wie der Mensch gut wird. Nun müssen in der Ordnung des Werdens zwei Dinge beachtet werden. Das erste ist, dass der erste Teil das Erste ist, was errichtet werden muss; so ist bei der Zeugung eines Tieres das Erste, was geformt wird, das Herz, und beim Bau eines Hauses ist das Erste, was errichtet wird, das Fundament: und in der Güte der Seele ist der erste Teil die Güte des Willens, deren Ergebnis es ist, dass ein Mensch von jeder anderen Güte guten Gebrauch macht. Nun hängt die Güte des Willens von ihrem Objekt ab, welches ihr Ziel ist. Da also der Mensch durch das Gesetz zur Tugend hingeleitet werden sollte, war das Erste, was notwendig war, gleichsam das Fundament der Religion zu legen, wodurch der Mensch in gebührender Weise auf Gott hingeleitet wird, welcher das letzte Ziel des menschlichen Willens ist.
Das Zweite, was in der Ordnung des Werdens zu beachten ist, ist, dass an erster Stelle Gegensätze und Hindernisse entfernt werden müssen. So reinigt der Bauer zuerst den Boden und sät danach seinen Samen, gemäß Jer 4,3: „Pflüget euch ein Neues und säet nicht unter die Dornen.“ Daher geziemte es sich, dass der Mensch zuerst in der Religion unterwiesen wurde, um so die Hindernisse für die wahre Religion zu entfernen. Nun ist das Haupthindernis für die Religion, dass der Mensch einem falschen Gott anhängt, gemäß Mt 6,24: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Daher wird in der ersten Vorschrift des Gesetzes die Verehrung falscher Götter ausgeschlossen.
Zu Einwand 1: Tatsächlich gibt es eine affirmative Vorschrift über die Religion, nämlich: „Gedenke, dass du den Sabbattag heiligst.“ Dennoch mussten die negativen Vorschriften zuerst gegeben werden, damit durch sie die Hindernisse für die Religion entfernt würden. Denn obwohl die Bejahung von Natur aus der Verneinung vorausgeht, kommt doch im Prozess des Werdens die Verneinung, durch die Hindernisse entfernt werden, zuerst, wie im Artikel dargelegt. Dies gilt besonders in Dingen, die Gott betreffen, wo die Verneinung der Bejahung vorzuziehen ist, wegen unserer Unzulänglichkeit, wie Dionysius bemerkt (Coel. Hier. ii).
Zu Einwand 2: Die Menschen verehrten fremde Götter auf zwei Arten. Denn einige dienten gewissen Geschöpfen als Göttern, ohne auf Bilder zurückzugreifen. Daher sagt Varro, dass die alten Römer lange Zeit Götter verehrten, ohne Bilder zu gebrauchen: und diese Verehrung wird zuerst verboten durch die Worte: „Du sollst keine fremden Götter haben.“ Unter anderen wurde die Verehrung falscher Götter unter Verwendung gewisser Bilder beobachtet: und so wurde das Herstellen von Bildern selbst passenderweise verboten durch die Worte: „Du sollst dir kein Schnitzbild machen“, wie auch die Verehrung eben dieser Bilder durch die Worte: „Du sollst sie nicht anbeten“, etc.
Zu Einwand 3: Alle anderen Arten von Aberglauben gehen aus irgendeinem Pakt, stillschweigend oder ausdrücklich, mit den Dämonen hervor; daher werden alle als verboten verstanden durch die Worte: „Du sollst keine fremden Götter haben.“