I-II, q. 98 a. 1
Ob das Alte Gesetz gut war?
Quaestio 98 · Vom Alten Gesetz
Einwand 1: Es scheint, dass das Alte Gesetz nicht gut war. Denn es steht geschrieben (Ez 20,25): „Ich gab ihnen Satzungen, die nicht gut waren, und Rechtsentscheide, in denen sie nicht leben werden.“ Ein Gesetz wird aber nur aufgrund der Güte der Vorschriften, die es enthält, gut genannt. Also war das Alte Gesetz nicht gut.
Einwand 2: Ferner gehört es zur Güte eines Gesetzes, dass es dem Gemeinwohl dient, wie Isidor sagt (Etym. v, 3). Das Alte Gesetz aber war nicht heilbringend, sondern vielmehr tödlich und schädlich. Denn der Apostel sagt (Röm 7,8 ff.): „Ohne das Gesetz war die Sünde tot. Ich aber lebte einst ohne Gesetz. Als aber das Gebot kam, lebte die Sünde auf; ich aber starb.“ Wiederum sagt er (Röm 5,20): „Das Gesetz aber ist dazwischen hineingekommen, damit die Sünde übermächtig würde.“ Also war das Alte Gesetz nicht gut.
Einwand 3: Ferner gehört es zur Güte des Gesetzes, dass es möglich ist, ihm zu gehorchen, sowohl der Natur als auch der menschlichen Gewohnheit nach. Das Alte Gesetz war aber nicht so beschaffen: denn Petrus sagte (Apg 15,10): „Warum versucht ihr (Gott), ein Joch auf den Nacken der Jünger zu legen, das weder unsere Väter noch wir zu tragen vermochten?“ Daher scheint es, dass das Alte Gesetz nicht gut war.
Dagegen spricht, dass der Apostel sagt (Röm 7,12): „So ist also das Gesetz heilig und das Gebot heilig und gerecht und gut.“
Ich antworte darauf, dass das Alte Gesetz ohne jeden Zweifel gut war. Denn so wie eine Lehre dadurch als gut erwiesen wird, dass sie mit der rechten Vernunft übereinstimmt, so wird ein Gesetz als gut erwiesen, wenn es der Vernunft entspricht. Nun stand das Alte Gesetz im Einklang mit der Vernunft. Denn es unterdrückte die Begierde, die im Widerstreit zur Vernunft steht, wie durch das Gebot bezeugt wird: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut“ (Ex 20,17). Überdies verbot dasselbe Gesetz alle Arten von Sünde; und auch diese sind der Vernunft zuwider. Folglich ist es offensichtlich, dass es ein gutes Gesetz war. Der Apostel argumentiert auf dieselbe Weise (Röm 7): „Ich habe“, sagt er (Vers 22), „Lust an dem Gesetz Gottes nach dem inwendigen Menschen“; und wiederum (Vers 16): „stimme ich dem Gesetz zu, dass es gut ist.“
Es muss jedoch beachtet werden, dass das Gute verschiedene Stufen hat, wie Dionysius feststellt (Div. Nom. iv): denn es gibt ein vollkommenes Gut und ein unvollkommenes Gut. Bei Dingen, die auf ein Ziel hingeordnet sind, liegt vollkommene Güte vor, wenn eine Sache so beschaffen ist, dass sie aus sich selbst heraus hinreicht, um zum Ziel zu führen: unvollkommene Güte hingegen liegt vor, wenn eine Sache zwar eine gewisse Hilfe zur Erreichung des Ziels bietet, aber für dessen Verwirklichung nicht ausreicht. So ist eine Medizin vollkommen gut, wenn sie einem Menschen die Gesundheit gibt; sie ist aber unvollkommen, wenn sie ihm hilft, geheilt zu werden, ohne ihn jedoch zur Gesundheit zurückbringen zu können. Wiederum muss beachtet werden, dass das Ziel des menschlichen Gesetzes ein anderes ist als das Ziel des göttlichen Gesetzes. Denn das Ziel des menschlichen Gesetzes ist die zeitliche Ruhe des Staates, welches Ziel das Gesetz durch die Lenkung äußerer Handlungen bewirkt, im Hinblick auf jene Übel, die den friedlichen Zustand des Staates stören könnten. Andererseits ist das Ziel des göttlichen Gesetzes, den Menschen zu jenem Ziel zu führen, welches die ewige Glückseligkeit ist; dieses Ziel wird durch jede Sünde behindert, nicht nur durch äußere, sondern auch durch innere Handlungen. Folglich genügt das, was für die Vollkommenheit des menschlichen Gesetzes ausreicht, nämlich das Verbot und die Bestrafung der Sünde, nicht für die Vollkommenheit des göttlichen Gesetzes: sondern es ist erforderlich, dass es den Menschen gänzlich fähig macht, an der ewigen Glückseligkeit teilzuhaben. Dies kann nun nicht geschehen außer durch die Gnade des Heiligen Geistes, wodurch „die Liebe“, welche das Gesetz erfüllt ... „ausgegossen ist in unsere Herzen“ (Röm 5,5): da „die Gnade Gottes das ewige Leben ist“ (Röm 6,23). Das Alte Gesetz aber konnte diese Gnade nicht verleihen, denn dies war Christus vorbehalten; weil, wie geschrieben steht (Joh 1,17), das Gesetz „durch Mose gegeben wurde, die Gnade und die Wahrheit aber durch Jesus Christus geworden ist.“ Folglich war das Alte Gesetz zwar gut, aber unvollkommen, gemäß Hebr 7,19: „Das Gesetz hat nichts zur Vollendung gebracht.“
Antwort auf Einwand 1: Der Herr bezieht sich dort auf die zeremoniellen Vorschriften; diese werden als nicht gut bezeichnet, weil sie keine Gnade zur Vergebung der Sünden verliehen, obwohl der Mensch durch die Erfüllung dieser Vorschriften sich selbst als Sünder bekannte. Daher heißt es pointiert: „und Rechtsentscheide, in denen sie nicht leben werden“; d.h. durch die sie nicht fähig sind, das Leben zu erlangen; und so fährt der Text fort: „Und ich verunreinigte sie“, d.h. zeigte ihnen, dass sie verunreinigt seien, „in ihren eigenen Gaben, als sie alles opferten, was den Mutterschoß öffnet, wegen ihrer Vergehen.“
Antwort auf Einwand 2: Das Gesetz wird als tödlich bezeichnet, da es nicht die Ursache, sondern der Anlass des Todes war, aufgrund seiner Unvollkommenheit: insofern es keine Gnade verlieh, die den Menschen befähigte, das zu erfüllen, was vorgeschrieben war, und das zu meiden, was es verbot. Daher wurde dieser Anlass den Menschen nicht gegeben, sondern von ihnen genommen. Weshalb der Apostel sagt (Röm 7,11): „Die Sünde nahm den Anlass durch das Gebot, verführte mich und tötete mich durch dasselbe.“ Im gleichen Sinne, wenn gesagt wird, dass „das Gesetz dazwischen hineingekommen ist, damit die Sünde übermächtig würde“, muss die Konjunktion „damit“ als konsekutiv und nicht als final verstanden werden: insofern die Menschen, indem sie Anlass am Gesetz nahmen, umso mehr sündigten, sowohl weil eine Sünde schwerwiegender wurde, nachdem das Gesetz sie verboten hatte, als auch weil die Begierde zunahm, da wir eine Sache umso mehr begehren, wenn sie verboten ist.
Antwort auf Einwand 3: Das Joch des Gesetzes konnte ohne die Hilfe der Gnade nicht getragen werden, welche das Gesetz nicht verlieh: denn es steht geschrieben (Röm 9,16): „So liegt es nun nicht an dem, der will, noch an dem, der läuft“, nämlich dass er in den Geboten Gottes will und läuft, „sondern an dem sich erbarmenden Gott.“ Weshalb geschrieben steht (Ps 118,32): „Ich bin den Weg deiner Gebote gelaufen, als du mein Herz erweitert hast“, d.h. indem du mir Gnade und Liebe gabst.