I-II, q. 98 a. 2
Ob das Alte Gesetz von Gott war?
Quaestio 98 · Vom Alten Gesetz
Einwand 1: Es scheint, dass das Alte Gesetz nicht von Gott war. Denn es steht geschrieben (Dtn 32,4): „Die Werke Gottes sind vollkommen.“ Das Gesetz aber war unvollkommen, wie oben dargelegt (Artikel [1]). Also war das Alte Gesetz nicht von Gott.
Einwand 2: Ferner steht geschrieben (Koh 3,14): „Ich habe erkannt, dass alle Werke, die Gott gemacht hat, für ewig bestehen.“ Das Alte Gesetz aber besteht nicht für ewig: da der Apostel sagt (Hebr 7,18): „Es erfolgt nämlich eine Aufhebung des früheren Gebotes wegen seiner Schwachheit und Nutzlosigkeit.“ Also war das Alte Gesetz nicht von Gott.
Einwand 3: Ferner sollte ein weiser Gesetzgeber nicht nur das Übel, sondern auch die Anlässe zum Übel entfernen. Das Alte Gesetz aber war ein Anlass zur Sünde, wie oben dargelegt (Artikel [1], ad 2). Daher gehört die Gebung eines solchen Gesetzes nicht zu Gott, dem „keiner unter den Gesetzgebern gleicht“ (Ijob 36,22).
Einwand 4: Ferner steht geschrieben (1 Tim 2,4), dass Gott „will, dass alle Menschen gerettet werden.“ Das Alte Gesetz aber reichte nicht aus, um den Menschen zu retten, wie oben dargelegt (Artikel [1]). Daher kam die Gebung eines solchen Gesetzes Gott nicht zu. Also war das Alte Gesetz nicht von Gott.
Dagegen spricht, dass unser Herr (Mt 15,6) zu den Juden, denen das Gesetz gegeben war, sagte: „Ihr habt das Gebot Gottes ungültig gemacht um eurer Überlieferung willen.“ Und kurz zuvor (Vers 4) hatte Er gesagt: „Ehre Vater und Mutter“, was ausdrücklich im Alten Gesetz enthalten ist (Ex 20,12; Dtn 5,16). Also war das Alte Gesetz von Gott.
Ich antworte darauf, dass das Alte Gesetz von dem guten Gott gegeben wurde, Der der Vater unseres Herrn Jesus Christus ist. Denn das Alte Gesetz ordnete die Menschen auf zwei Weisen auf Christus hin. Erstens, indem es Zeugnis für Christus ablegte; weshalb Er selbst sagt (Lk 24,44): „Alles muss erfüllt werden, was im Gesetz ... und in den Propheten und in den Psalmen über mich geschrieben steht“: und (Joh 5,46): „Wenn ihr Mose glaubtet, würdet ihr vielleicht auch mir glauben; denn er hat von mir geschrieben.“ Zweitens als eine Art Vorbereitung (Disposition), da es die Menschen, indem es sie vom götzendienerischen Kult abzog, im Kult des einen Gottes einschloss [concludebat], durch Den das Menschengeschlecht durch Christus gerettet werden sollte. Weshalb der Apostel sagt (Gal 3,23): „Bevor aber der Glaube kam, wurden wir unter dem Gesetz verwahrt und eingeschlossen [conclusi] auf den Glauben hin, der offenbart werden sollte.“ Nun ist es offensichtlich, dass es ein und dasselbe ist, was die Disposition zum Ziel gibt und was zum Ziel führt; und wenn ich sage „dasselbe“, meine ich, dass es dies entweder durch sich selbst oder durch seine Untergebenen tut. Denn der Teufel würde kein Gesetz machen, durch das die Menschen zu Christus geführt würden, Der ihn austreiben sollte, gemäß Mt 12,26: „Wenn der Satan den Satan austreibt, so ist sein Reich entzweit“ [Vulg.: 'er ist gegen sich selbst entzweit']. Daher wurde das Alte Gesetz von demselben Gott gegeben, von Dem das Heil für den Menschen kam, durch die Gnade Christi.
Antwort auf Einwand 1: Nichts hindert daran, dass eine Sache nicht schlechthin vollkommen ist, und doch vollkommen in Bezug auf die Zeit: so wird ein Knabe als vollkommen bezeichnet, nicht schlechthin, sondern im Hinblick auf die Bedingung der Zeit. So sind auch Vorschriften, die Kindern gegeben werden, vollkommen im Vergleich zur Bedingung derer, denen sie gegeben werden, obwohl sie nicht schlechthin vollkommen sind. Daher sagt der Apostel (Gal 3,24): „Das Gesetz war unser Erzieher auf Christus hin.“
Antwort auf Einwand 2: Jene Werke Gottes dauern ewig, die Gott so gemacht hat, dass sie ewig dauern würden; und dies sind Seine vollkommenen Werke. Das Alte Gesetz aber wurde beiseitegesetzt, als die Vollkommenheit der Gnade kam; nicht als ob es böse wäre, sondern als schwach und nutzlos für diese Zeit; weil, wie der Apostel weiter sagt, „das Gesetz nichts zur Vollendung brachte“: daher sagt er (Gal 3,25): „Nachdem aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter einem Erzieher.“
Antwort auf Einwand 3: Wie oben dargelegt (Quaestio [79], Artikel [4]), lässt Gott manchmal zu, dass gewisse Menschen in Sünde fallen, damit sie dadurch gedemütigt werden. So wollte Er auch ein solches Gesetz geben, das die Menschen aus eigenen Kräften nicht erfüllen konnten, damit sie, während sie sich auf ihre eigenen Kräfte verließen, erkennen mochten, dass sie Sünder sind, und gedemütigt Zuflucht zur Hilfe der Gnade nehmen würden.
Antwort auf Einwand 4: Obwohl das Alte Gesetz nicht ausreichte, um den Menschen zu retten, stand dem Menschen doch eine andere Hilfe von Gott neben dem Gesetz zur Verfügung, nämlich der Glaube an den Mittler, durch den die Väter der Vorzeit gerechtfertigt wurden, ebenso wie wir. Dementsprechend ließ Gott den Menschen nicht im Stich, indem er ihm unzureichende Hilfen zum Heil gab.