I-II, q. 94 a. 6
Ob das Gesetz der Natur aus dem Herzen des Menschen getilgt werden kann?
Quaestio 94 · Vom natürlichen Gesetz
Einwand 1: Es scheint, dass das Naturgesetz aus dem Herzen des Menschen getilgt werden kann. Denn zu Röm 2,14: „Wenn die Heiden, die das Gesetz nicht haben“ usw., sagt eine Glosse, dass „das Gesetz der Gerechtigkeit, welches die Sünde ausgelöscht hatte, in das Herz des Menschen eingegraben wird, wenn er durch die Gnade wiederhergestellt wird.“ Aber das Gesetz der Gerechtigkeit ist das Gesetz der Natur. Deshalb kann das Gesetz der Natur ausgelöscht werden.
Einwand 2: Ferner ist das Gesetz der Gnade wirksamer als das Gesetz der Natur. Aber das Gesetz der Gnade wird durch die Sünde ausgelöscht. Viel mehr kann daher das Gesetz der Natur ausgelöscht werden.
Einwand 3: Ferner wird das, was durch Gesetz festgelegt ist, gerecht gemacht. Aber viele Dinge werden von Menschen verordnet, die gegen das Gesetz der Natur sind. Deshalb kann das Gesetz der Natur aus dem Herzen des Menschen getilgt werden.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Confess. ii): „Dein Gesetz ist in die Herzen der Menschen geschrieben, welches selbst die Ungerechtigkeit nicht auslöscht.“ Aber das Gesetz, das in die Herzen der Menschen geschrieben ist, ist das Naturgesetz. Deshalb kann das Naturgesetz nicht ausgelöscht werden.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt (Artikel [4], 5), zum Naturgesetz erstens gewisse allgemeinste Vorschriften gehören, die allen bekannt sind; und zweitens gewisse sekundäre und detailliertere Vorschriften, die gleichsam Schlussfolgerungen sind, die eng aus den ersten Prinzipien folgen. Was jene allgemeinen Prinzipien betrifft, kann das Naturgesetz abstrakt keineswegs aus den Herzen der Menschen ausgelöscht werden. Aber es wird im Falle einer besonderen Handlung ausgelöscht, insofern die Vernunft daran gehindert wird, das allgemeine Prinzip auf einen besonderen Punkt der Praxis anzuwenden, aufgrund von Begierde oder einer anderen Leidenschaft, wie oben gesagt (Frage [77], Artikel [2]). Aber was das andere betrifft, d.h. die sekundären Vorschriften, kann das Naturgesetz aus dem menschlichen Herzen getilgt werden, entweder durch üble Überredungen, so wie in spekulativen Dingen Irrtümer in Bezug auf notwendige Schlussfolgerungen auftreten; oder durch lasterhafte Bräuche und korrupte Gewohnheiten, wie bei einigen Menschen Diebstahl und sogar widernatürliche Laster nicht als sündhaft angesehen wurden, wie der Apostel feststellt (Röm i).
Antwort auf Einwand 1: Die Sünde löscht das Gesetz der Natur in besonderen Fällen aus, nicht allgemein, außer vielleicht in Bezug auf die sekundären Vorschriften des Naturgesetzes, in der oben genannten Weise.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl die Gnade wirksamer ist als die Natur, ist die Natur doch wesentlicher für den Menschen und daher dauerhafter.
Antwort auf Einwand 3: Dieses Argument ist wahr in Bezug auf die sekundären Vorschriften des Naturgesetzes, gegen welche einige Gesetzgeber gewisse Verordnungen erlassen haben, die ungerecht sind.