I-II, q. 93 a. 5
Ob die natürlichen zufälligen Dinge [Kontingenten] dem ewigen Gesetz unterworfen sind?
Quaestio 93 · Vom ewigen Gesetz
Einwand 1: Es scheint, dass die natürlichen Kontingenten nicht dem ewigen Gesetz unterworfen sind. Denn die Promulgation [Verkündung] gehört zum Wesen des Gesetzes, wie oben gesagt (Quaestio [90], Artikel [4]). Aber ein Gesetz kann nicht verkündet werden außer an vernunftbegabte Geschöpfe, denen es möglich ist, eine Ankündigung zu machen. Daher sind nur vernunftbegabte Geschöpfe dem ewigen Gesetz unterworfen; und folglich sind es die natürlichen Kontingenten nicht.
Einwand 2: Ferner: „Was der Vernunft gehorcht, hat irgendwie an der Vernunft teil“, wie in Ethic. i gesagt wird. Aber das ewige Gesetz ist der höchste Plan [ratio], wie oben gesagt (Artikel [1]). Da also natürliche Kontingenten in keiner Weise an der Vernunft teilhaben, sondern gänzlich vernunftlos sind, scheint es, dass sie nicht dem ewigen Gesetz unterworfen sind.
Einwand 3: Ferner ist das ewige Gesetz höchst wirksam. Aber in natürlichen Kontingenten treten Defekte auf. Daher sind sie nicht dem ewigen Gesetz unterworfen.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Spr 8,29): „Als er dem Meer seine Grenzen zog und den Wassern ein Gesetz setzte, dass sie ihre Grenzen nicht überschreiten sollten.“
Ich antworte darauf, dass wir anders vom Gesetz des Menschen sprechen müssen als vom ewigen Gesetz, welches das Gesetz Gottes ist. Denn das Gesetz des Menschen erstreckt sich nur auf vernunftbegabte Geschöpfe, die dem Menschen unterworfen sind. Der Grund dafür ist, dass das Gesetz die Handlungen derer lenkt, die der Regierung von jemandem unterworfen sind: weshalb, eigentlich gesprochen, niemand seinen eigenen Handlungen ein Gesetz auferlegt. Nun geschieht alles, was bezüglich des Gebrauchs vernunftloser Dinge, die dem Menschen unterworfen sind, getan wird, durch den Akt des Menschen selbst, der jene Dinge bewegt, denn diese vernunftlosen Geschöpfe bewegen sich nicht selbst, sondern werden von anderen bewegt, wie oben gesagt (Quaestio [1], Artikel [2]). Folglich kann der Mensch vernunftlosen Wesen keine Gesetze auferlegen, wie sehr sie ihm auch unterworfen sein mögen. Aber er kann vernunftbegabten Wesen, die ihm unterworfen sind, Gesetze auferlegen, insofern er durch seinen Befehl oder eine Äußerung jeglicher Art ihrem Geist eine Regel einprägt, die ein Prinzip des Handelns ist.
So wie nun der Mensch durch eine solche Äußerung dem Menschen, der ihm unterworfen ist, eine Art inneres Prinzip des Handelns einprägt, so prägt Gott der gesamten Natur die Prinzipien ihrer eigenen Handlungen ein. Und so wird auf diese Weise gesagt, dass Gott der gesamten Natur befiehlt, gemäß Ps 148,6: „Er hat ein Gebot gegeben, und es wird nicht vergehen.“ Und so sind alle Handlungen und Bewegungen der gesamten Natur dem ewigen Gesetz unterworfen. Folglich sind vernunftlose Geschöpfe dem ewigen Gesetz unterworfen, indem sie durch die göttliche Vorsehung bewegt werden; aber nicht, wie vernunftbegabte Geschöpfe, indem sie das göttliche Gebot verstehen.
Antwort auf Einwand 1: Die Einprägung eines inneren aktiven Prinzips ist für die natürlichen Dinge das, was die Promulgation des Gesetzes für die Menschen ist: weil das Gesetz, indem es verkündet wird, dem Menschen ein leitendes Prinzip menschlicher Handlungen einprägt, wie oben gesagt.
Antwort auf Einwand 2: Vernunftlose Geschöpfe haben weder an der menschlichen Vernunft teil, noch sind sie ihr gehorsam: wohingegen sie an der göttlichen Vernunft teilhaben, indem sie ihr gehorchen; weil die Kraft der göttlichen Vernunft sich über mehr Dinge erstreckt als die menschliche Vernunft. Und wie die Glieder des menschlichen Körpers auf Befehl der Vernunft bewegt werden und doch nicht an der Vernunft teilhaben, da sie kein der Vernunft untergeordnetes Auffassungsvermögen haben; so werden auch vernunftlose Geschöpfe von Gott bewegt, ohne deswegen vernunftbegabt zu sein.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl die Defekte, die in natürlichen Dingen auftreten, außerhalb der Ordnung der Partikularursachen liegen, sind sie nicht außerhalb der Ordnung der Universalursachen, besonders der Ersten Ursache, d.h. Gott, dessen Vorsehung nichts entgehen kann, wie im ersten Teil (FP, Quaestio [22], Artikel [2]) dargelegt wurde. Und da das ewige Gesetz der Plan der göttlichen Vorsehung ist, wie oben gesagt (Artikel [1]), sind daher die Defekte der natürlichen Dinge dem ewigen Gesetz unterworfen.