I-II, q. 91 a. 1
Ob es ein ewiges Gesetz gibt?
Quaestio 91 · Von den verschiedenen Arten des Gesetzes
Einwand 1: Es scheint, dass es kein ewiges Gesetz gibt. Denn jedes Gesetz wird jemandem auferlegt. Aber von Ewigkeit her gab es niemanden, dem ein Gesetz hätte auferlegt werden können, da Gott allein von Ewigkeit her war. Also ist kein Gesetz ewig.
Einwand 2: Weiterhin gehört die Promulgation (Bekanntmachung) zum Wesen des Gesetzes. Aber eine Promulgation konnte nicht von Ewigkeit her geschehen, weil es niemanden gab, dem es von Ewigkeit her hätte bekannt gemacht werden können. Also kann kein Gesetz ewig sein.
Einwand 3: Weiterhin impliziert ein Gesetz eine Hinordnung auf ein Ziel. Aber nichts, was auf ein Ziel hingeordnet ist, ist ewig; denn allein das letzte Ziel ist ewig. Also ist kein Gesetz ewig.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Lib. Arb. i, 6): „Jenem Gesetz, welches die höchste Vernunft ist, kann die Unveränderlichkeit und Ewigkeit nicht abgesprochen werden.“
Ich antworte darauf, dass, wie oben ausgeführt (Quaestio [90], Artikel [1], ad 2; Artikel [3], 4), das Gesetz nichts anderes ist als ein Diktat der praktischen Vernunft im Herrscher, der eine vollkommene Gemeinschaft regiert. Nun ist es offensichtlich – vorausgesetzt, dass die Welt durch die göttliche Vorsehung regiert wird, wie im ersten Teil (FP, Quaestio [22], Artikel [1], 2) dargelegt wurde –, dass die gesamte Gemeinschaft des Universums durch die göttliche Vernunft regiert wird. Daher hat die Idee der Regierung der Dinge in Gott, dem Herrscher des Universums, den Charakter eines Gesetzes. Und da die Konzeption der Dinge durch die göttliche Vernunft nicht der Zeit unterworfen, sondern ewig ist, gemäß Spr 8,23, muss diese Art von Gesetz ewig genannt werden.
Antwort auf Einwand 1: Jene Dinge, die nicht in sich selbst sind, existieren bei Gott, insofern sie von Ihm vorausgewusst und vorherbestimmt sind, gemäß Röm 4,17: „Der das, was nicht ist, ruft, wie das, was ist.“ Dementsprechend trägt das ewige Konzept des göttlichen Gesetzes den Charakter eines ewigen Gesetzes, insofern es von Gott zur Regierung der von Ihm vorausgewussten Dinge hingeordnet ist.
Antwort auf Einwand 2: Die Promulgation geschieht durch mündliches Wort oder durch Schrift; und auf beide Weisen ist das ewige Gesetz promulgiert: denn sowohl das göttliche Wort als auch die Schrift des Buches des Lebens sind ewig. Aber die Promulgation kann von Seiten des Geschöpfes, das hört oder liest, nicht von Ewigkeit her sein.
Antwort auf Einwand 3: Das Gesetz impliziert eine Hinordnung auf das Ziel im aktiven Sinne, insofern es gewisse Dinge auf das Ziel hinlenkt; aber nicht im passiven Sinne – das heißt, das Gesetz selbst ist nicht auf das Ziel hingeordnet –, außer akzidentell in einem Herrscher, dessen Ziel außerhalb seiner selbst liegt und auf welches Ziel sein Gesetz hingeordnet sein muss. Aber das Ziel der göttlichen Regierung ist Gott selbst, und sein Gesetz ist nicht von Ihm selbst verschieden. Daher ist das ewige Gesetz nicht auf ein anderes Ziel hingeordnet.