I-II, q. 91 a. 6
Ob es im Zunder der Sünde (Fomes) ein Gesetz gibt?
Quaestio 91 · Von den verschiedenen Arten des Gesetzes
Einwand 1: Es scheint, dass es kein Gesetz des „Fomes“ (Zunder der Sünde) gibt. Denn Isidor sagt (Etym. v), dass das „Gesetz auf der Vernunft gründet“. Aber der „Fomes“ der Sünde gründet nicht auf der Vernunft, sondern weicht von ihr ab. Also hat der „Fomes“ nicht die Natur eines Gesetzes.
Einwand 2: Weiterhin ist jedes Gesetz bindend, so dass jene, die ihm nicht gehorchen, Übertreter genannt werden. Aber der Mensch wird nicht ein Übertreter genannt, weil er den Anstiftungen des „Fomes“ nicht folgt; sondern eher, weil er ihnen folgt. Also hat der „Fomes“ nicht die Natur eines Gesetzes.
Einwand 3: Weiterhin ist das Gesetz auf das Gemeinwohl hingeordnet, wie oben gesagt (Quaestio [90], Artikel [2]). Aber der „Fomes“ neigt uns nicht zum allgemeinen, sondern zu unserem eigenen privaten Gut. Also hat der „Fomes“ nicht die Natur der Sünde [sic; im lat. Text: rationem legis - Natur eines Gesetzes].
Dagegen spricht, dass der Apostel sagt (Röm 7,23): „Ich sehe ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das gegen das Gesetz meines Geistes streitet.“
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt (Artikel [2]; Quaestio [90], Artikel [1], ad 1), das Gesetz seinem Wesen nach in dem residiert, der regiert und misst; aber im Wege der Teilhabe in dem, was regiert und gemessen wird; so dass jede Neigung oder Anordnung, die in den dem Gesetz unterworfenen Dingen gefunden werden mag, Gesetz durch Teilhabe genannt wird, wie oben gesagt (Artikel [2]; Quaestio [90], Artikel [1], ad 1). Nun können jene, die einem Gesetz unterworfen sind, eine zweifache Neigung vom Gesetzgeber empfangen. Erstens, insofern er seine Untertanen direkt zu etwas hinneigt; manchmal in der Tat verschiedene Untertanen zu verschiedenen Handlungen; auf diese Weise können wir sagen, dass es ein militärisches Gesetz und ein kaufmännisches Gesetz gibt. Zweitens indirekt; so geht dadurch, dass ein Gesetzgeber einem Untertan eine Würde entzieht, dieser in eine andere Ordnung über, so dass er gleichsam unter einem anderen Gesetz steht: so wird ein Soldat, wenn er aus der Armee ausgestoßen wird, ein Untertan der ländlichen oder kaufmännischen Gesetzgebung.
Dementsprechend haben unter dem göttlichen Gesetzgeber verschiedene Geschöpfe verschiedene natürliche Neigungen, so dass das, was gleichsam ein Gesetz für das eine ist, gegen das Gesetz für ein anderes ist: so könnte ich sagen, dass Wildheit in gewisser Weise das Gesetz eines Hundes ist, aber gegen das Gesetz eines Schafes oder eines anderen sanften Tieres. Und so ist das Gesetz des Menschen, das ihm durch die göttliche Anordnung gemäß seiner eigenen natürlichen Beschaffenheit zugeteilt ist, dass er in Übereinstimmung mit der Vernunft handeln soll: und dieses Gesetz war im ursprünglichen Zustand so wirksam, dass nichts, was entweder neben oder gegen die Vernunft war, den Menschen unversehens überkommen konnte. Aber als der Mensch Gott den Rücken kehrte, fiel er unter den Einfluss seiner sinnlichen Impulse: tatsächlich geschieht dies jedem Einzelnen individuell, je mehr er vom Pfad der Vernunft abweicht, so dass er gewissermaßen den Tieren angeglichen wird, die vom Impuls der Sinnlichkeit geleitet werden, gemäß Ps 48,21: „Der Mensch, als er in Ehren war, verstand es nicht: er ist den unverständigen Tieren verglichen und ihnen gleichgemacht worden.“
So hat also eben diese Neigung der Sinnlichkeit, die „Fomes“ genannt wird, in anderen Tieren einfachhin die Natur eines Gesetzes (jedoch nur insofern, als ein Gesetz in solchen Dingen sein kann), aufgrund einer direkten Neigung. Aber im Menschen hat sie nicht auf diese Weise die Natur eines Gesetzes, vielmehr ist sie eine Abweichung vom Gesetz der Vernunft. Da aber durch das gerechte Urteil Gottes der Mensch der ursprünglichen Gerechtigkeit beraubt ist und seine Vernunft ihrer Kraft beraubt ist, hat dieser Impuls der Sinnlichkeit, wodurch er geleitet wird, insofern er eine Strafe ist, die aus dem göttlichen Gesetz folgt, das den Menschen seiner eigenen Würde beraubt, die Natur eines Gesetzes.
Antwort auf Einwand 1: Dieses Argument betrachtet den „Fomes“ an sich, als einen Anreiz zum Bösen. Nicht so hat er die Natur eines Gesetzes, wie oben gesagt, sondern insofern er aus der Gerechtigkeit des göttlichen Gesetzes resultiert: es ist, als ob wir sagen würden, dass das Gesetz erlaubt, dass ein Adliger für eine Missetat zu harter Arbeit verurteilt wird.
Antwort auf Einwand 2: Dieses Argument betrachtet das Gesetz im Licht einer Regel oder eines Maßes: denn in diesem Sinne werden jene, die vom Gesetz abweichen, Übertreter. Aber der „Fomes“ ist in dieser Hinsicht kein Gesetz, sondern durch eine Art von Teilhabe, wie oben gesagt.
Antwort auf Einwand 3: Dieses Argument betrachtet den „Fomes“ hinsichtlich seiner eigenen Neigung und nicht hinsichtlich seines Ursprungs. Und doch, wenn die Neigung der Sinnlichkeit so betrachtet wird, wie sie in anderen Tieren ist, so ist sie auf das Gemeinwohl hingeordnet, nämlich auf die Erhaltung der Natur in der Spezies oder im Individuum. Und dies ist auch im Menschen, insofern die Sinnlichkeit der Vernunft unterworfen ist. Aber sie wird „Fomes“ genannt, insofern sie von der Ordnung der Vernunft abweicht.