I-II, q. 9 a. 6
Ob der Wille allein von Gott als äußerem Prinzip bewegt wird?
Quaestio 9 · Von dem, was den Willen bewegt
Einwand 1: Es scheint, dass der Wille nicht allein von Gott als äußerem Prinzip bewegt wird. Denn es ist natürlich, dass das Niedere von seinem Höheren bewegt wird: so werden die niederen Körper von den Himmelskörpern bewegt. Aber es gibt etwas, das höher ist als der Wille des Menschen und unter Gott, nämlich der Engel. Daher kann der Wille des Menschen auch von einem Engel als äußerem Prinzip bewegt werden.
Einwand 2: Ferner folgt der Akt des Willens dem Akt des Intellekts. Aber der Intellekt des Menschen wird nicht allein von Gott in den Akt überführt, sondern auch von dem Engel, der ihn erleuchtet, wie Dionysius sagt (Coel. Hier. iv). Aus demselben Grund wird daher auch der Wille von einem Engel bewegt.
Einwand 3: Ferner ist Gott nicht die Ursache von anderen als guten Dingen, gemäß Gen 1,31: „Gott sah alle Dinge, die er gemacht hatte, und sie waren sehr gut.“ Wenn also der Wille des Menschen allein von Gott bewegt würde, würde er niemals zum Bösen bewegt werden: und doch ist es der Wille, wodurch „wir sündigen und wodurch wir recht handeln“, wie Augustinus sagt (Retract. i, 9).
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Phil 2,13): „Gott ist es, der in uns wirkt“ [Vulg. ‚euch‘] „sowohl das Wollen als auch das Vollbringen.“
Ich antworte darauf, dass die Bewegung des Willens von innen ist, wie auch die Bewegung der Natur. Nun ist es zwar möglich, dass etwas ein natürliches Ding bewegt, ohne die Ursache des bewegten Dinges zu sein, doch kann jenes allein, was in irgendeiner Weise die Ursache der Natur eines Dinges ist, eine natürliche Bewegung in diesem Ding verursachen. Denn ein Stein wird von einem Menschen nach oben bewegt, der nicht die Ursache der Natur des Steins ist, aber diese Bewegung ist dem Stein nicht natürlich; sondern die natürliche Bewegung des Steins wird von keinem anderen verursacht als der Ursache seiner Natur. Weshalb in Phys. vii, 4 gesagt wird, dass der Erzeuger schwere und leichte Dinge lokal bewegt. Dementsprechend wird der mit einem Willen begabte Mensch manchmal von etwas bewegt, das nicht seine Ursache ist; aber dass seine freiwillige Bewegung von einem äußeren Prinzip sei, das nicht die Ursache seines Willens ist, ist unmöglich.
Nun kann die Ursache des Willens keine andere sein als Gott. Und dies ist aus zwei Gründen offensichtlich. Erstens, weil der Wille eine Kraft der vernünftigen Seele ist, die allein von Gott durch Schöpfung verursacht wird, wie in der FP, Frage [90], Artikel [2] gesagt wurde. Zweitens ist es offensichtlich aus der Tatsache, dass der Wille auf das universale Gute hingeordnet ist. Daher kann nichts anderes die Ursache des Willens sein außer Gott selbst, der das universale Gute ist: während jedes andere Gut durch Teilhabe gut ist und ein partikulares Gut ist, und eine partikulare Ursache keine universale Neigung verleiht. Daher kann auch die erste Materie, die Potenz zu allen Formen ist, nicht von einem partikularen Agens erschaffen werden.
Antwort auf Einwand 1: Ein Engel steht nicht so über dem Menschen, dass er die Ursache seines Willens wäre, wie die Himmelskörper die Ursachen der natürlichen Formen sind, aus denen die natürlichen Bewegungen der natürlichen Körper resultieren.
Antwort auf Einwand 2: Der Intellekt des Menschen wird von einem Engel bewegt auf Seiten des Objekts, welches durch die Kraft des engelhaften Lichts der menschlichen Erkenntnis vorgeschlagen wird. Und auf diese Weise kann auch der Wille von einem Geschöpf von außen bewegt werden, wie oben gesagt (Artikel [4]).
Antwort auf Einwand 3: Gott bewegt den Willen des Menschen als der universale Beweger zum universalen Objekt des Willens, welches das Gute ist. Und ohne diese universale Bewegung kann der Mensch nichts wollen. Aber der Mensch bestimmt sich selbst durch seine Vernunft, dieses oder jenes zu wollen, was ein wahres oder scheinbares Gut ist. Dennoch bewegt Gott manchmal einige speziell zum Wollen von etwas Bestimmtem, das gut ist; wie im Falle derer, die er durch Gnade bewegt, wie wir später darlegen werden (Frage [109], Artikel [2]).