I-II, q. 89 a. 4
Ob ein guter oder ein böser Engel lässlich sündigen kann?
Quaestio 89 · Über die lässliche Sünde an sich
1. Einwand: Es scheint, dass ein guter oder böser Engel lässlich sündigen kann. Denn der Mensch stimmt mit den Engeln im höheren Teil seiner Seele überein, der Geist (mens) genannt wird, gemäß Gregor, der sagt (Hom. xxix in Evang.), dass „der Mensch gemeinsam mit den Engeln erkennt“. Aber der Mensch kann im höheren Teil seiner Seele eine lässliche Sünde begehen. Also kann auch ein Engel eine lässliche Sünde begehen.
2. Einwand: Ferner: Wer mehr tun kann, kann auch weniger tun. Aber ein Engel konnte ein geschaffenes Gut mehr lieben als Gott, und das tat er, indem er tödlich sündigte. Also konnte er auch ein Geschöpf ungeordnet weniger als Gott lieben, indem er lässlich sündigte.
3. Einwand: Ferner scheinen böse Engel Dinge zu tun, die der Gattung nach lässliche Sünden sind, indem sie Menschen zum Lachen und anderen derartigen Albernheiten reizen. Nun macht der Umstand der Person eine Todsünde nicht zu einer lässlichen, wie oben dargelegt (Artikel 3), es sei denn, es gibt ein spezielles Verbot, was hier nicht der Fall ist. Also kann ein Engel lässlich sündigen.
Dagegen spricht: Die Vollkommenheit eines Engels ist größer als die des Menschen im Urzustand. Aber der Mensch konnte im Urzustand nicht lässlich sündigen, und daher kann es ein Engel noch viel weniger.
Ich antworte darauf, dass der Intellekt eines Engels, wie oben im ersten Teil dargelegt (I, Quaestio 58, Artikel 3; I, Quaestio 79, Artikel 8), nicht diskursiv ist, d.h. er schreitet nicht von Prinzipien zu Schlussfolgerungen fort, so dass er beide getrennt versteht, wie wir es tun. Folglich muss der engelhafte Intellekt, wann immer er eine Schlussfolgerung betrachtet, diese notwendigerweise in ihren Prinzipien betrachten. Nun sind in Angelegenheiten des Begehrens, wie wir oft dargelegt haben (Quaestio 8, Artikel 2; Quaestio 10, Artikel 1; Quaestio 72, Artikel 5), die Ziele wie Prinzipien, während die Mittel wie Schlussfolgerungen sind. Daher ist der Geist eines Engels nicht auf die Mittel gerichtet, außer wie sie unter der Ordnung zum Ziel stehen. Folglich können sie von ihrer Natur her keine Ungeordnetheit in Bezug auf die Mittel haben, ohne dass sie gleichzeitig eine Ungeordnetheit in Bezug auf das Ziel haben, und dies ist eine Todsünde. Nun werden gute Engel nicht zu den Mitteln bewegt, außer in Unterordnung unter das geschuldete Ziel, welches Gott ist: weshalb alle ihre Akte Akte der Liebe (Caritas) sind, so dass keine lässliche Sünde in ihnen sein kann. Andererseits werden böse Engel zu nichts bewegt, außer in Unterordnung unter das Ziel, welches ihre Sünde des Stolzes ist. Daher sündigen sie in allem, was sie aus eigenem Willen tun, tödlich. Dies gilt nicht für das Begehren nach dem natürlichen Gut, welches Begehren wir ihnen zugeschrieben haben (I, Quaestio 63, Artikel 4; I, Quaestio 64, Artikel 2, ad 5).
Antwort auf den 1. Einwand: Der Mensch stimmt zwar mit den Engeln im Geist oder Intellekt überein, aber er unterscheidet sich in seiner Art des Erkennens, wie oben dargelegt.
Antwort auf den 2. Einwand: Ein Engel könnte ein Geschöpf nicht weniger als Gott lieben, ohne es gleichzeitig entweder auf Gott als letztes Ziel oder auf irgendein ungeordnetes Ziel zu beziehen, aus dem oben genannten Grund.
Antwort auf den 3. Einwand: Die Dämonen reizen den Menschen zu all solchen Dingen an, die lässlich scheinen, damit er sich an sie gewöhnt, um ihn so zur Todsünde zu führen. Folglich sündigen sie in all solchen Dingen tödlich, aufgrund des Ziels, das sie im Auge haben.