I-II, q. 89 a. 1
Ob die lässliche Sünde einen Makel in der Seele verursacht?
Quaestio 89 · Über die lässliche Sünde an sich
1. Einwand: Es scheint, dass die lässliche Sünde einen Makel in der Seele verursacht. Denn Augustinus sagt (De Poenit., Hom. 50), dass, wenn die lässlichen Sünden sich häufen, sie die Schönheit unserer Seele so sehr zerstören, dass sie uns der Umarmungen unseres himmlischen Bräutigams berauben. Der Makel der Sünde ist aber nichts anderes als der Verlust der Schönheit der Seele. Also verursachen lässliche Sünden einen Makel in der Seele.
2. Einwand: Ferner verursacht die Todsünde einen Makel in der Seele aufgrund der Ungeordnetheit des Aktes und der Neigungen des Sünders. Aber auch in der lässlichen Sünde gibt es eine Ungeordnetheit des Aktes und der Neigungen. Also verursacht die lässliche Sünde einen Makel in der Seele.
3. Einwand: Ferner wird der Makel in der Seele durch die Berührung mit einem zeitlichen Ding verursacht, durch die Liebe zu diesem, wie oben dargelegt wurde (Quaestio 86, Artikel 1). In der lässlichen Sünde aber steht die Seele durch ungeordnete Liebe in Berührung mit einem zeitlichen Ding. Also bringt die lässliche Sünde einen Makel auf die Seele.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Eph 5,27): „Damit er sie sich selbst darstelle als eine herrliche Kirche, die weder Flecken noch Runzel habe“, wozu die Glosse sagt: „d.h. irgendeine schwere Sünde“. Daher scheint es der Todsünde eigen zu sein, einen Makel auf der Seele zu verursachen.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Quaestio 86, Artikel 1), ein Makel einen Verlust an Schönheit aufgrund der Berührung mit etwas bezeichnet, wie man es bei körperlichen Dingen sieht, von denen der Begriff im Wege der Ähnlichkeit auf die Seele übertragen wurde. Nun gibt es im Körper eine zweifache Schönheit: eine, die aus der inneren Disposition der Glieder und Farben resultiert, und eine andere, die aus einem hinzukommenden äußeren Glanz resultiert. So gibt es auch in der Seele eine zweifache Schönheit: eine habituelle und sozusagen innewohnende, die andere aktuell, wie ein äußeres Aufleuchten. Die lässliche Sünde nun ist ein Hindernis für die aktuelle Schönheit, nicht aber für die habituelle Schönheit, weil sie weder den Habitus der Liebe (Caritas) noch den der anderen Tugenden zerstört oder vermindert, wie wir später zeigen werden (II-II, Quaestio 24, Artikel 10; Quaestio 133, Artikel 1, ad 2), sondern nur deren Akte behindert. Andererseits bezeichnet ein Makel etwas Bleibendes in dem befleckten Ding, weshalb er eher nach Art eines Verlustes der habituellen als der aktuellen Schönheit erscheint. Daher verursacht die lässliche Sünde, eigentlich gesprochen, keinen Makel in der Seele. Wenn wir jedoch irgendwo die Aussage finden, dass sie einen Makel hervorruft, so ist dies in einem eingeschränkten Sinne zu verstehen, insofern sie die Schönheit behindert, die aus den Akten der Tugend resultiert.
Antwort auf den 1. Einwand: Augustinus spricht von dem Fall, in dem viele lässliche Sünden dispositiv zur Todsünde führen: denn andernfalls würden sie die Seele nicht von ihrem himmlischen Bräutigam trennen.
Antwort auf den 2. Einwand: In der Todsünde zerstört die Ungeordnetheit des Aktes den Habitus der Tugend, nicht aber in der lässlichen Sünde.
Antwort auf den 3. Einwand: In der Todsünde kommt die Seele mit einem zeitlichen Ding als ihrem Endziel in Berührung, so dass die Ausgießung des Lichtes der Gnade, die jenen zukommt, die durch die Liebe Gott als ihrem letzten Ziel anhängen, gänzlich abgeschnitten wird. Im Gegensatz dazu hängt der Mensch in der lässlichen Sünde nicht an einem Geschöpf als seinem letzten Ziel: daher gibt es keinen Vergleich.