I-II, q. 85 a. 6
Ob der Tod und andere Mängel dem Menschen natürlich sind?
Quaestio 85 · Von den Wirkungen der Sünde, und erstens von der Verderbnis des Naturgutes.
Einwand 1: Es scheint, dass der Tod und dergleichen Mängel dem Menschen natürlich sind. Denn „das Vergängliche und das Unvergängliche unterscheiden sich der Gattung nach“ (Metaph. x, text. 26). Aber der Mensch ist von derselben Gattung wie andere Tiere, die von Natur aus vergänglich sind. Also ist der Mensch von Natur aus vergänglich.
Einwand 2: Ferner ist alles, was aus Gegensätzen zusammengesetzt ist, von Natur aus vergänglich, da es in sich selbst die Ursache der Verderbnis hat. Aber so ist der menschliche Körper beschaffen. Also ist er von Natur aus vergänglich.
Einwand 3: Ferner verzehrt ein heißes Ding von Natur aus Feuchtigkeit. Nun wird das menschliche Leben durch heiße und feuchte Elemente bewahrt. Da also die Lebensfunktionen durch die Wirkung der natürlichen Wärme erfüllt werden, wie in De Anima ii, text. 50 dargelegt, scheint es, dass der Tod und dergleichen Mängel dem Menschen natürlich sind.
Dagegen spricht, (1) dass Gott im Menschen gemacht hat, was immer ihm natürlich ist. Nun hat „Gott den Tod nicht gemacht“ (Weish 1,13). Also ist der Tod dem Menschen nicht natürlich.
(2) Ferner kann das, was natürlich ist, weder eine Strafe noch ein Übel genannt werden: da das, was einem Ding natürlich ist, ihm angemessen ist. Aber der Tod und dergleichen Mängel sind die Strafe der Erbsünde, wie oben dargelegt (Artikel 5). Also sind sie dem Menschen nicht natürlich.
(3) Ferner ist die Materie der Form proportioniert, und alles seinem Ziel. Nun ist das Ziel des Menschen die ewige Glückseligkeit, wie oben dargelegt (Quaestio 2, Artikel 7; Quaestio 5, Artikel 3 und 4): und die Form des menschlichen Körpers ist die vernunftbegabte Seele, wie im ersten Teil bewiesen wurde (Quaestio 75, Artikel 6). Also ist der menschliche Körper von Natur aus unvergänglich.
Ich antworte darauf, dass wir von jedem vergänglichen Ding auf zwei Arten sprechen können; erstens in Bezug auf seine universale Natur, zweitens in Bezug auf seine partikulare Natur. Die partikulare Natur eines Dinges ist seine eigene Kraft zum Handeln und zur Selbsterhaltung. Und in Bezug auf diese Natur ist jede Verderbnis und jeder Mangel gegen die Natur, wie in De Coelo ii, text. 37 dargelegt, da diese Kraft zum Sein und zur Erhaltung des Dinges strebt, zu dem sie gehört.
Andererseits ist die universale Natur eine aktive Kraft in irgendeinem universalen Prinzip der Natur, zum Beispiel in einem Himmelskörper; oder wiederum zu einer höheren Substanz gehörend, in welchem Sinne Gott von einigen „die Natur, die Natur macht“ genannt wird. Diese Kraft beabsichtigt das Gute und die Erhaltung des Universums, wofür abwechselndes Entstehen und Vergehen in den Dingen erforderlich sind: und in dieser Hinsicht sind Verderbnis und Mangel in den Dingen natürlich, nicht zwar in Bezug auf die Neigung der Form, die das Prinzip des Seins und der Vollkommenheit ist, sondern in Bezug auf die Neigung der Materie, die ihrer partikularen Form gemäß dem Ermessen des universalen Handelnden anteilig zugeteilt ist. Und obwohl jede Form das immerwährende Sein beabsichtigt, so weit sie kann, kann doch keine Form eines vergänglichen Wesens ihre eigene Dauerhaftigkeit erreichen, außer der vernunftbegabten Seele; aus dem Grund, dass letztere nicht gänzlich der Materie unterworfen ist, wie andere Formen es sind; tatsächlich hat sie eine immaterielle eigene Operation, wie im ersten Teil dargelegt (Quaestio 75, Artikel 2). Folglich ist dem Menschen in Bezug auf seine Form die Unvergänglichkeit natürlicher als anderen vergänglichen Dingen. Aber da eben diese Form eine aus Gegensätzen zusammengesetzte Materie hat, resultiert aus der Neigung jener Materie die Vergänglichkeit im Ganzen. In dieser Hinsicht ist der Mensch von Natur aus vergänglich in Bezug auf die Natur seiner Materie, wenn sie sich selbst überlassen bleibt, aber nicht in Bezug auf die Natur seiner Form.
Die ersten drei Einwände argumentieren von der Seite der Materie; während die anderen drei von der Seite der Form argumentieren. Um sie zu lösen, müssen wir daher beachten, dass die Form des Menschen, welche die vernunftbegabte Seele ist, in Bezug auf ihre Unvergänglichkeit ihrem Ziel angepasst ist, welches die ewige Glückseligkeit ist: wohingegen der menschliche Körper, der vergänglich ist, betrachtet in Bezug auf seine Natur, in einer Weise seiner Form angepasst ist und in einer anderen Weise nicht. Denn wir können eine zweifache Bedingung in jeder Materie feststellen, eine, die der Handelnde wählt, und eine andere, die nicht vom Handelnden gewählt wird und eine natürliche Bedingung der Materie ist. So wählt ein Schmied, um ein Messer zu machen, eine Materie, die sowohl hart als auch biegsam ist, die geschärft werden kann, um zum Schneiden nützlich zu sein, und in Bezug auf diese Bedingung ist Eisen eine für ein Messer angepasste Materie: aber dass Eisen zerbrechlich ist und zu Rost neigt, resultiert aus der natürlichen Disposition des Eisens, noch wählt der Handwerker dies im Eisen, tatsächlich würde er ohne es auskommen, wenn er könnte: daher ist diese Disposition der Materie nicht der Absicht des Handwerkers angepasst, noch dem Zweck seiner Kunst. In gleicher Weise ist der menschliche Körper die von der Natur gewählte Materie in Bezug darauf, dass er von gemischtem Temperament ist, damit er als Organ des Tastsinns und der anderen sinnlichen und bewegenden Kräfte am besten geeignet sei. Dass er aber vergänglich ist, liegt an einer Bedingung der Materie und ist nicht von der Natur gewählt: tatsächlich würde die Natur eine unvergängliche Materie wählen, wenn sie könnte. Aber Gott, Dem jede Natur unterworfen ist, hat bei der Formung des Menschen den Mangel der Natur ausgeglichen und durch die Gabe der ursprünglichen Gerechtigkeit dem Körper eine gewisse Unvergänglichkeit gegeben, wie im ersten Teil dargelegt wurde (Quaestio 97, Artikel 1). In diesem Sinne wird gesagt, dass „Gott den Tod nicht gemacht hat“ und dass der Tod die Strafe der Sünde ist.
Dies genügt für die Antworten auf die Einwände.