I-II, q. 85 a. 4
Ob die Beraubung von Maß, Art und Ordnung eine Wirkung der Sünde ist?
Quaestio 85 · Von den Wirkungen der Sünde, und erstens von der Verderbnis des Naturgutes.
Einwand 1: Es scheint, dass die Beraubung von Maß, Art und Ordnung nicht die Wirkung der Sünde ist. Denn Augustinus sagt (De Natura Boni iii), dass „wo diese drei reichlich vorhanden sind, das Gut groß ist; wo sie geringer sind, weniger Gut ist; wo sie nicht sind, überhaupt kein Gut ist.“ Aber die Sünde zerstört das Naturgut nicht. Also zerstört sie nicht Maß, Art und Ordnung.
Einwand 2: Ferner ist nichts seine eigene Ursache. Aber die Sünde selbst ist die „Beraubung von Maß, Art und Ordnung“, wie Augustinus feststellt (De Natura Boni iv). Also ist die Beraubung von Maß, Art und Ordnung nicht die Wirkung der Sünde.
Einwand 3: Ferner resultieren verschiedene Wirkungen aus verschiedenen Sünden. Da nun Maß, Art und Ordnung verschieden sind, müssen ihre entsprechenden Beraubungen auch verschieden sein und folglich das Ergebnis verschiedener Sünden sein. Also ist die Beraubung von Maß, Art und Ordnung nicht die Wirkung jeder Sünde.
Dagegen spricht: Die Sünde ist für die Seele, was Schwachheit für den Körper ist, gemäß Ps 6,3: „Erbarme dich meiner, o Herr, denn ich bin schwach.“ Nun beraubt Schwachheit den Körper von Maß, Art und Ordnung.
Ich antworte darauf, dass, wie im ersten Teil (Quaestio 5, Artikel 5) dargelegt, Maß, Art und Ordnung jedem geschaffenen Gut als solchem und auch jedem Seienden folgen. Denn jedes Seiende und jedes Gute als solches hängt von seiner Form ab, von der es seine „Art“ (species) ableitet. Wiederum ist jede Art von Form, ob substantiell oder akzidentell, von was auch immer, gemäß einem gewissen Maß, weshalb in Metaph. viii festgestellt wird, dass „die Formen der Dinge wie Zahlen sind“, so dass eine Form ein gewisses „Maß“ (modus) hat, das ihrem Maß entspricht. Schließlich hat jedes Ding aufgrund seiner Form eine Beziehung der „Ordnung“ (ordo) zu etwas anderem.
Dementsprechend gibt es verschiedene Grade von Maß, Art und Ordnung, die den verschiedenen Graden des Guten entsprechen. Denn es gibt ein Gut, das zur eigentlichen Substanz der Natur gehört, welches Gut sein Maß, seine Art und seine Ordnung hat und durch die Sünde weder zerstört noch vermindert wird. Es gibt wiederum das Gut der natürlichen Neigung, das auch sein Maß, seine Art und seine Ordnung hat; und dieses wird durch die Sünde vermindert, wie oben dargelegt (Artikel 1 und 2), aber nicht gänzlich zerstört. Wiederum gibt es das Gut der Tugend und der Gnade: auch dieses hat sein Maß, seine Art und seine Ordnung und wird durch die Sünde gänzlich weggenommen. Schließlich gibt es ein Gut, das in der geordneten Handlung selbst besteht, welche auch ihr Maß, ihre Art und ihre Ordnung hat, deren Beraubung wesenhaft Sünde ist. Daher ist klar, sowohl wie die Sünde Beraubung von Maß, Art und Ordnung ist, als auch wie sie Maß, Art und Ordnung zerstört oder vermindert.
Dies genügt für die Antworten auf die ersten zwei Einwände.
Antwort auf Einwand 3: Maß, Art und Ordnung folgen eines aus dem anderen, wie oben erklärt: und so werden sie zusammen zerstört oder vermindert.