I-II, q. 85 a. 2
Ob das ganze Gut der menschlichen Natur durch die Sünde zerstört werden kann?
Quaestio 85 · Von den Wirkungen der Sünde, und erstens von der Verderbnis des Naturgutes.
Einwand 1: Es scheint, dass das ganze Gut der menschlichen Natur durch die Sünde zerstört werden kann. Denn das Gut der menschlichen Natur ist endlich, da die menschliche Natur selbst endlich ist. Nun wird jedes endliche Ding gänzlich weggenommen, wenn die Subtraktion kontinuierlich erfolgt. Da also das Naturgut durch die Sünde kontinuierlich vermindert werden kann, scheint es, dass es am Ende gänzlich weggenommen werden kann.
Einwand 2: Ferner sind in einem Ding von einer Natur das Ganze und die Teile gleichförmig, wie es offensichtlich bei Luft, Wasser, Fleisch und allen Körpern mit gleichartigen Teilen der Fall ist. Aber das Naturgut ist gänzlich gleichförmig. Da also ein Teil davon durch die Sünde weggenommen werden kann, scheint es, dass auch das Ganze durch die Sünde weggenommen werden kann.
Einwand 3: Ferner ist das Naturgut, das durch die Sünde geschwächt wird, die Eignung zur Tugend. Nun ist diese Eignung in einigen wegen der Sünde gänzlich zerstört: so können die Verdammten ebenso wenig zur Tugend wiederhergestellt werden wie die Blinden zum Sehen. Also kann die Sünde das Naturgut gänzlich wegnehmen.
Dagegen spricht, was Augustinus sagt (Enchiridion xiv), dass „das Übel nicht existiert außer in irgendeinem Gut“. Aber das Übel der Sünde kann nicht im Gut der Tugend oder der Gnade sein, weil diese ihr entgegengesetzt sind. Also muss es im Naturgut sein, und folglich zerstört es dieses nicht gänzlich.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel 1), das Naturgut, das durch die Sünde vermindert wird, die natürliche Neigung zur Tugend ist, welche dem Menschen allein durch die Tatsache zukommt, dass er ein vernunftbegabtes Wesen ist; denn darauf beruht es, dass er Handlungen in Übereinstimmung mit der Vernunft vollzieht, was bedeutet, tugendhaft zu handeln. Nun kann die Sünde dem Menschen nicht gänzlich die Tatsache nehmen, dass er ein vernunftbegabtes Wesen ist, denn dann wäre er nicht mehr fähig zur Sünde. Daher ist es nicht möglich, dass dieses Naturgut gänzlich zerstört wird.
Da jedoch dieses selbe Naturgut durch die Sünde kontinuierlich vermindert werden kann, haben einige, um dies zu veranschaulichen, das Beispiel eines endlichen Dinges gebraucht, das unbegrenzt vermindert wird, ohne gänzlich zerstört zu werden. Denn der Philosoph sagt (Phys. i, text. 37), dass, wenn von einer endlichen Größe eine kontinuierliche Subtraktion in derselben Quantität vorgenommen wird, sie zuletzt gänzlich zerstört sein wird, zum Beispiel wenn ich von irgendeiner endlichen Länge fortfahre, die Länge einer Spanne abzuziehen. Wenn jedoch die Subtraktion jedes Mal im selben Verhältnis und nicht in derselben Quantität erfolgt, kann es unbegrenzt weitergehen, wie zum Beispiel, wenn eine Quantität halbiert wird und eine Hälfte um die Hälfte vermindert wird; so wird es möglich sein, unbegrenzt fortzufahren, vorausgesetzt, dass das, was in jedem Fall subtrahiert wird, weniger ist als das, was zuvor subtrahiert wurde. Aber dies trifft auf die vorliegende Frage nicht zu, da eine nachfolgende Sünde das Naturgut nicht weniger vermindert als eine vorhergehende Sünde, sondern vielleicht mehr, wenn es eine schwerere Sünde ist.
Wir müssen die Sache daher anders erklären, indem wir sagen, dass die besagte Neigung als ein mittlerer Terminus zwischen zwei anderen zu betrachten ist: denn sie gründet in der vernunftbegabten Natur als in ihrer Wurzel und strebt zum Gut der Tugend als zu ihrem Ziel und Ende. Folglich kann ihre Verminderung auf zwei Arten verstanden werden: erstens von Seiten ihrer Wurzel, zweitens von Seiten ihres Ziels. Auf die erste Weise wird sie durch die Sünde nicht vermindert, weil die Sünde die Natur nicht vermindert, wie oben dargelegt (Artikel 1). Aber sie wird auf die zweite Weise vermindert, insofern ein Hindernis gegen das Erreichen ihres Ziels gesetzt wird. Würde sie nun auf die erste Weise vermindert, müsste sie zuletzt gänzlich zerstört werden, indem die vernunftbegabte Natur gänzlich zerstört würde. Da sie jedoch von Seiten des Hindernisses vermindert wird, das gegen das Erreichen ihres Ziels gesetzt wird, ist es offensichtlich, dass sie unbegrenzt vermindert werden kann, weil Hindernisse unbegrenzt gesetzt werden können, insofern der Mensch unbegrenzt fortfahren kann, Sünde zu Sünde hinzuzufügen: und doch kann sie nicht gänzlich zerstört werden, weil die Wurzel dieser Neigung immer bleibt. Ein Beispiel hierfür kann in einem durchsichtigen Körper gesehen werden, der eine Neigung hat, Licht zu empfangen, allein durch die Tatsache, dass er durchsichtig ist; doch wird diese Neigung oder Eignung von Seiten aufkommender Wolken vermindert, obwohl sie immer in der Natur des Körpers verwurzelt bleibt.
Antwort auf Einwand 1: Dieser Einwand gilt, wenn die Verminderung durch Subtraktion erfolgt. Aber hier erfolgt die Verminderung durch das Errichten von Hindernissen, und dies vermindert oder zerstört weder die Wurzel der Neigung, wie oben dargelegt.
Antwort auf Einwand 2: Die natürliche Neigung ist zwar gänzlich gleichförmig: dennoch steht sie in Beziehung sowohl zu ihrem Prinzip als auch zu ihrem Ziel, und hinsichtlich dieser Verschiedenheit der Beziehung wird sie auf der einen Seite vermindert und auf der anderen nicht.
Antwort auf Einwand 3: Selbst in den Verdammten bleibt die natürliche Neigung zur Tugend, sonst hätten sie keine Gewissensbisse. Dass sie nicht in den Akt überführt wird, liegt daran, dass sie durch die göttliche Gerechtigkeit der Gnade beraubt sind. So bleibt selbst in einem Blinden die Eignung zu sehen in der Wurzel seiner Natur, insofern er ein Tier ist, das von Natur aus mit Sehkraft begabt ist: doch wird diese Eignung nicht in den Akt überführt, wegen des Fehlens einer Ursache, die fähig wäre, sie in den Akt zu überführen, indem sie das für das Sehen erforderliche Organ bildet.