I-II, q. 71 a. 4
Ob die Sünde mit der Tugend vereinbar ist?
Quaestio 71 · Vom Laster und der Sünde an sich betrachtet
Einwand 1: Es scheint, dass ein lasterhafter Akt, d.h. die Sünde, mit der Tugend unvereinbar ist. Denn Gegensätze können nicht zugleich im selben Subjekt sein. Nun ist die Sünde in gewisser Weise der Tugend entgegengesetzt, wie oben gesagt wurde (Artikel [1]). Also ist die Sünde mit der Tugend unvereinbar.
Einwand 2: Ferner ist die Sünde schlimmer als das Laster, d.h. der böse Akt als der böse Habitus. Aber das Laster kann nicht im selben Subjekt mit der Tugend sein: also auch nicht die Sünde.
Einwand 3: Ferner kommt Sünde in den natürlichen Dingen vor, ebenso wie in freiwilligen Angelegenheiten (Phys. ii, Text 82). Nun geschieht Sünde in natürlichen Dingen niemals außer durch irgendeine Korruption der natürlichen Kraft; so sind Missgeburten auf die Korruption irgendeiner elementaren Kraft im Samen zurückzuführen, wie in Phys. ii dargelegt. Also kommt keine Sünde in freiwilligen Angelegenheiten vor, außer durch die Korruption irgendeiner Tugend in der Seele: so dass Sünde und Tugend nicht zugleich im selben Subjekt sein können.
Dagegen spricht, was der Philosoph sagt (Ethic. ii, 2, 3), dass „Tugend durch entgegengesetzte Ursachen erzeugt und zerstört wird“. Nun verursacht ein einziger tugendhafter Akt keine Tugend, wie oben gesagt wurde (Quaestio [51], Artikel [3]): und folglich zerstört ein einziger sündhafter Akt die Tugend nicht. Also können sie zugleich im selben Subjekt sein.
Ich antworte darauf, dass die Sünde zur Tugend im Verhältnis von bösem Akt zu gutem Habitus steht. Nun ist die Stellung eines Habitus in der Seele nicht dieselbe wie die einer Form in einem natürlichen Ding. Denn die Form eines natürlichen Dinges bringt notwendigerweise eine ihr angemessene Wirkung hervor; weshalb eine natürliche Form mit dem Akt einer entgegengesetzten Form unvereinbar ist: so ist Hitze unvereinbar mit dem Akt des Kühlens und Leichtigkeit mit der Abwärtsbewegung (außer vielleicht, wenn Gewalt durch einen äußeren Beweger angewendet wird): wohingegen der Habitus, der in der Seele wohnt, seine Wirkung nicht notwendigerweise hervorbringt, sondern vom Menschen gebraucht wird, wenn er will. Folglich kann der Mensch, während er einen Habitus besitzt, entweder den Habitus nicht gebrauchen oder einen entgegengesetzten Akt hervorbringen; und so kann ein Mensch, der eine Tugend hat, einen Akt der Sünde hervorbringen. Und dieser sündhafte Akt, solange es nur einer ist, kann die Tugend nicht zerstören, wenn wir den Akt mit der Tugend selbst als Habitus vergleichen: da, so wie ein Habitus nicht durch einen Akt erzeugt wird, er auch nicht durch einen Akt zerstört wird, wie oben gesagt wurde (Quaestio [63], Artikel [2], ad 2). Wenn wir aber den sündhaften Akt mit der Ursache der Tugenden vergleichen, dann ist es möglich, dass einige Tugenden durch einen einzigen sündhaften Akt zerstört werden. Denn jede Todsünde ist der Liebe (Caritas) entgegengesetzt, welche die Wurzel aller eingegossenen Tugenden als Tugenden ist; und folglich, da die Liebe durch einen einzigen Akt der Todsünde vertrieben wird, folgt daraus, dass alle eingegossenen Tugenden „als Tugenden“ ausgetrieben werden. Und ich sage dies wegen Glaube und Hoffnung, deren Habitus nach der Todsünde unbelebt bleiben, so dass sie keine Tugenden mehr sind. Andererseits, da die lässliche Sünde weder der Liebe entgegengesetzt ist noch sie vertreibt, treibt sie folglich auch die anderen Tugenden nicht aus. Was die erworbenen Tugenden betrifft, so werden sie durch einen einzigen Akt irgendeiner Art von Sünde nicht zerstört.
Demnach ist die Todsünde mit den eingegossenen Tugenden unvereinbar, aber sie ist vereinbar mit der erworbenen Tugend: während die lässliche Sünde mit den Tugenden vereinbar ist, seien sie eingegossen oder erworben.
Antwort auf Einwand 1: Die Sünde ist der Tugend nicht aufgrund ihrer selbst entgegengesetzt, sondern aufgrund ihres Aktes. Daher ist die Sünde unvereinbar mit dem Akt, aber nicht mit dem Habitus der Tugend.
Antwort auf Einwand 2: Das Laster ist der Tugend direkt entgegengesetzt, so wie die Sünde dem tugendhaften Akt: und so schließt das Laster die Tugend aus, so wie die Sünde die Akte der Tugend ausschließt.
Antwort auf Einwand 3: Die natürlichen Kräfte wirken aus Notwendigkeit, und daher kann, solange die Kraft unversehrt ist, keine Sünde im Akt gefunden werden. Andererseits bringen die Tugenden der Seele ihre Akte nicht aus Notwendigkeit hervor; daher versagt der Vergleich.