I-II, q. 71 a. 1
Ob das Laster der Tugend entgegengesetzt ist?
Quaestio 71 · Vom Laster und der Sünde an sich betrachtet
Einwand 1: Es scheint, dass das Laster der Tugend nicht entgegengesetzt ist. Denn ein Ding hat nur ein Gegenteil, wie in Metaph. X, Text 17 bewiesen wird. Nun sind Sünde und Bosheit der Tugend entgegengesetzt. Also ist das Laster ihr nicht entgegengesetzt; denn Laster bezieht sich auch auf eine ungehörige Disposition von Körpergliedern oder beliebigen anderen Dingen.
Einwand 2: Ferner bezeichnet Tugend eine gewisse Vollkommenheit des Vermögens. Das Laster aber bezeichnet nichts, was sich auf das Vermögen bezieht. Also ist das Laster der Tugend nicht entgegengesetzt.
Einwand 3: Ferner sagt Cicero (De Quaest. Tusc. iv), dass „die Tugend die Gesundheit der Seele ist“. Nun ist der Gesundheit eher Krankheit oder Siechtum entgegengesetzt als das Laster. Also ist das Laster der Tugend nicht entgegengesetzt.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Perfect. Justit. ii): „Das Laster ist eine Qualität, hinsichtlich derer die Seele böse ist.“ Aber „die Tugend ist eine Qualität, die ihr Subjekt gut macht“, wie oben gezeigt wurde (Quaestio [55], Artikel [3] und 4). Also ist das Laster der Tugend entgegengesetzt.
Ich antworte darauf, dass an der Tugend zwei Dinge betrachtet werden können: das Wesen der Tugend und das, worauf die Tugend hingeordnet ist. Im Wesen der Tugend können wir etwas direkt betrachten und etwas als Folge. „Direkt“ impliziert die Tugend eine Disposition, durch welche das Subjekt gemäß der Weise seiner Natur wohlverfasst ist; weshalb der Philosoph sagt (Phys. vii, Text 17), dass „Tugend die Disposition eines vollkommenen Dinges zum Besten ist; und unter vollkommen verstehe ich das, was gemäß seiner Natur disponiert ist.“ Das, was die Tugend „als Folge“ impliziert, ist, dass sie eine Art von Güte ist: denn die Güte eines Dinges besteht darin, dass es gemäß der Weise seiner Natur wohlverfasst ist. Dasjenige, worauf die Tugend hingeordnet ist, ist der gute Akt, wie oben gezeigt wurde (Quaestio [56], Artikel [3]).
Demnach finden sich drei Dinge, die der Tugend entgegengesetzt sind. Eines davon ist die „Sünde“, die der Tugend hinsichtlich dessen entgegengesetzt ist, worauf die Tugend hingeordnet ist: denn eigentlich bezeichnet Sünde einen ungeordneten Akt, so wie ein Akt der Tugend ein geordneter und geschuldeter Akt ist. Hinsichtlich dessen, was die Tugend als Folge impliziert, nämlich dass sie eine Art von Güte ist, ist das Gegenteil der Tugend die „Bosheit“. Hinsichtlich dessen aber, was direkt zum Wesen der Tugend gehört, ist ihr Gegenteil das „Laster“: denn das Laster eines Dinges scheint darin zu bestehen, dass es nicht auf eine Weise disponiert ist, die seiner Natur ziemt; daher sagt Augustinus (De Lib. Arb. iii): „Was immer der natürlichen Vollkommenheit eines Dinges mangelt, kann ein Laster genannt werden.“
Antwort auf Einwand 1: Diese drei Dinge sind der Tugend entgegengesetzt, aber nicht in derselben Hinsicht: Denn die Sünde ist der Tugend entgegengesetzt, insofern letztere ein gutes Werk hervorbringt; die Bosheit, insofern die Tugend eine Art von Güte ist; das Laster hingegen ist der Tugend eigentlich als solcher entgegengesetzt.
Antwort auf Einwand 2: Tugend impliziert nicht nur die Vollkommenheit des Vermögens, des Prinzips des Handelns, sondern auch die geschuldete Disposition ihres Subjekts. Der Grund dafür ist, dass ein Ding so wirkt, wie es im Akt ist: so dass ein Ding wohlverfasst sein muss, wenn es ein gutes Werk hervorbringen soll. In dieser Hinsicht ist das Laster der Tugend entgegengesetzt.
Antwort auf Einwand 3: Wie Cicero sagt (De Quaest. Tusc. iv), „sind Krankheit und Siechtum lasterhafte Qualitäten“; denn wenn er vom Körper spricht, „nennt er es“ Krankheit, „wenn der ganze Körper infiziert ist“, zum Beispiel mit Fieber oder dergleichen; er nennt es Siechtum, „wenn die Krankheit mit Schwäche einhergeht“; und Laster, „wenn die Teile des Körpers nicht gut zusammengefügt sind“. Und obwohl zuweilen eine Krankheit im Körper ohne Siechtum sein kann, zum Beispiel wenn ein Mensch ein verborgenes Leiden hat, ohne äußerlich an seinen gewohnten Beschäftigungen gehindert zu werden, so sind doch „in der Seele“, wie er sagt, „diese beiden Dinge ununterscheidbar, außer im Denken“. Denn wann immer ein Mensch innerlich durch irgendeine ungeordnete Neigung schlecht disponiert ist, wird er dadurch untauglich zur Erfüllung seiner Pflichten: da „ein Baum an seiner Frucht erkannt wird“, d.h. der Mensch an seinen Werken, gemäß Mt 12,33. Aber das „Laster der Seele“, wie Cicero sagt (De Quaest. Tusc. iv), „ist ein Habitus oder eine Neigung der Seele, die durch das ganze Leben hindurch unstimmig und inkonsistent mit sich selbst ist“: und dies findet sich sogar ohne Krankheit und Siechtum, z.B. wenn ein Mensch aus Schwäche oder Leidenschaft sündigt. Folglich ist das Laster von größerem Umfang als Siechtum oder Krankheit; so wie auch die Tugend sich auf mehr Dinge erstreckt als die Gesundheit; denn die Gesundheit selbst wird als eine Art Tugend gerechnet (Phys. vii, Text 17). Folglich wird das Laster passender als Gegensatz zur Tugend gerechnet als Siechtum oder Krankheit.