I-II, q. 71 a. 2
Ob das Laster der Natur zuwider ist?
Quaestio 71 · Vom Laster und der Sünde an sich betrachtet
Einwand 1: Es scheint, dass das Laster der Natur nicht zuwider ist. Denn das Laster ist der Tugend entgegengesetzt, wie oben gesagt wurde (Artikel [1]). Nun ist die Tugend nicht von Natur aus in uns, sondern durch Eingießung oder Gewöhnung, wie oben gesagt wurde (Quaestio [63], Artikel [1], 2, 3). Also ist das Laster der Natur nicht zuwider.
Einwand 2: Ferner ist es unmöglich, sich an das zu gewöhnen, was der Natur zuwider ist: so „gewöhnt sich ein Stein niemals an die Aufwärtsbewegung“ (Ethic. ii, 1). Aber manche Menschen gewöhnen sich an das Laster. Also ist das Laster der Natur nicht zuwider.
Einwand 3: Ferner findet sich das, was einer Natur zuwider ist, nicht in der Mehrzahl der Individuen, die diese Natur besitzen. Nun findet sich das Laster in der Mehrzahl der Menschen; denn es steht geschrieben (Mt 7,13): „Breit ist der Weg, der ins Verderben führt, und viele sind es, die auf ihm hineingehen.“ Also ist das Laster der Natur nicht zuwider.
Einwand 4: Ferner verhält sich die Sünde zum Laster wie der Akt zum Habitus, wie oben gesagt wurde (Artikel [1]). Nun wird die Sünde definiert als „ein Wort, eine Tat oder ein Begehren gegen das Gesetz Gottes“, wie Augustinus zeigt (Contra Faust. xxii, 27). Aber das Gesetz Gottes steht über der Natur. Daher sollten wir sagen, dass das Laster eher dem Gesetz zuwider ist als der Natur.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Lib. Arb. iii, 13): „Jedes Laster ist, einfach weil es ein Laster ist, der Natur zuwider.“
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt wurde (Artikel [1]), das Laster der Tugend entgegengesetzt ist. Nun besteht die Tugend eines Dinges darin, dass es auf eine Weise wohlverfasst ist, die seiner Natur ziemt, wie oben gesagt wurde (Artikel [1]). Daher besteht das Laster eines jeden Dinges darin, dass es auf eine Weise disponiert ist, die seiner Natur nicht ziemt, und aus diesem Grund wird jenes Ding „vituperiert“ (getadelt), welches Wort sich von „vitium“ (Laster) ableitet, gemäß Augustinus (De Lib. Arb. iii, 14).
Es muss jedoch beachtet werden, dass die Natur eines Dinges vornehmlich die Form ist, von der das Ding seine Spezies erhält. Nun erhält der Mensch seine Spezies von seiner vernunftbegabten Seele: und folglich ist alles, was der Ordnung der Vernunft zuwider ist, eigentlich der Natur des Menschen als Mensch zuwider; während alles, was der Vernunft entspricht, der Natur des Menschen als Mensch entspricht. Nun ist „des Menschen Gut, in Übereinstimmung mit der Vernunft zu sein, und sein Übel, gegen die Vernunft zu sein“, wie Dionysius feststellt (Div. Nom. iv). Daher entspricht die menschliche Tugend, die einen Menschen gut macht und sein Werk gut macht, der Natur des Menschen, insofern sie mit seiner Vernunft übereinstimmt: während das Laster der Natur des Menschen zuwider ist, insofern es der Ordnung der Vernunft zuwider ist.
Antwort auf Einwand 1: Obwohl die Tugenden hinsichtlich ihrer Seinsvollkommenheit nicht durch die Natur verursacht werden, neigen sie uns doch zu dem hin, was mit der Vernunft übereinstimmt, d.h. mit der Ordnung der Vernunft. Denn Cicero sagt (De Inv. Rhet. ii), dass „Tugend ein Habitus in Übereinstimmung mit der Vernunft ist, gleichsam eine zweite Natur“: und in diesem Sinne sagt man, dass die Tugend in Übereinstimmung mit der Natur ist, und andererseits, dass das Laster der Natur zuwider ist.
Antwort auf Einwand 2: Der Philosoph spricht dort davon, dass ein Ding gegen die Natur ist, insofern „gegen die Natur sein“ dem „von Natur aus sein“ entgegengesetzt ist: und nicht insofern „gegen die Natur sein“ dem „in Übereinstimmung mit der Natur sein“ entgegengesetzt ist, in welchem letzteren Sinne Tugenden als in Übereinstimmung mit der Natur bezeichnet werden, insofern sie uns zu dem hinneigen, was der Natur angemessen ist.
Antwort auf Einwand 3: Es gibt eine zweifache Natur im Menschen: die vernunftbegabte Natur und die sinnliche Natur. Und da der Mensch durch die Tätigkeit seiner Sinne zu den Akten der Vernunft gelangt, gibt es mehr Menschen, die den Neigungen der sinnlichen Natur folgen, als solche, die der Ordnung der Vernunft folgen: weil mehr den Anfang eines Geschäftes erreichen, als seine Vollendung bewirken. Nun ist das Vorhandensein von Lastern und Sünden im Menschen darauf zurückzuführen, dass er der Neigung seiner sinnlichen Natur gegen die Ordnung seiner Vernunft folgt.
Antwort auf Einwand 4: Was immer in einem Kunstwerk regelwidrig ist, ist der Kunst, die dieses Werk hervorbrachte, unnatürlich. Nun verhält sich das ewige Gesetz zur Ordnung der menschlichen Vernunft wie die Kunst zum Kunstwerk. Daher läuft es auf dasselbe hinaus, dass Laster und Sünde gegen die Ordnung der menschlichen Vernunft sind und dass sie dem ewigen Gesetz zuwider sind. Daher sagt Augustinus (De Lib. Arb. iii, 6), dass „jede Natur als solche von Gott ist; und sie ist eine lasterhafte Natur, insofern sie von der göttlichen Kunst abweicht, durch die sie gemacht wurde.“