I-II, q. 71 a. 3
Ob das Laster schlimmer ist als ein lasterhafter Akt?
Quaestio 71 · Vom Laster und der Sünde an sich betrachtet
Einwand 1: Es scheint, dass das Laster, d.h. ein schlechter Habitus, schlimmer ist als eine Sünde, d.h. ein schlechter Akt. Denn wie ein Gut umso besser ist, je dauerhafter es ist, so ist ein Übel umso schlimmer, je länger es andauert. Nun ist ein lasterhafter Habitus dauerhafter als lasterhafte Akte, die sogleich vergehen. Also ist ein lasterhafter Habitus schlimmer als ein lasterhafter Akt.
Einwand 2: Ferner sind mehrere Übel mehr zu meiden als eines. Aber ein schlechter Habitus ist virtuell die Ursache vieler schlechter Akte. Also ist ein lasterhafter Habitus schlimmer als ein lasterhafter Akt.
Einwand 3: Ferner ist eine Ursache mächtiger als ihre Wirkung. Aber ein Habitus bringt seine Handlungen sowohl hinsichtlich ihrer Güte als auch hinsichtlich ihrer Schlechtigkeit hervor. Also ist ein Habitus mächtiger als sein Akt, sowohl im Guten als auch im Schlechten.
Dagegen spricht: Ein Mensch wird gerechterweise für einen lasterhaften Akt bestraft; aber nicht für einen lasterhaften Habitus, solange kein Akt folgt. Also ist eine lasterhafte Handlung schlimmer als ein lasterhafter Habitus.
Ich antworte darauf, dass ein Habitus in der Mitte zwischen Vermögen und Akt steht. Nun ist es offensichtlich, dass sowohl im Guten als auch im Bösen der Akt dem Vermögen vorausgeht, wie in Metaph. ix, 19 dargelegt wird. Denn es ist besser, gut zu handeln, als gut handeln zu können, und in gleicher Weise ist es tadelnswerter, Böses zu tun, als Böses tun zu können: woraus auch folgt, dass sowohl in der Güte als auch in der Schlechtigkeit der Habitus in der Mitte zwischen Vermögen und Akt steht, so dass nämlich, wie ein guter oder böser Habitus in Güte oder Schlechtigkeit über dem entsprechenden Vermögen steht, er so unter dem entsprechenden Akt steht. Dies wird auch dadurch deutlich, dass ein Habitus nur insofern gut oder schlecht genannt wird, als er zu einem guten oder schlechten Akt hinführt: weshalb ein Habitus aufgrund der Güte oder Schlechtigkeit seines Aktes gut oder schlecht genannt wird: so dass ein Akt seinen Habitus an Güte oder Schlechtigkeit übertrifft, da „die Ursache dafür, dass ein Ding so beschaffen ist, selbst in noch höherem Maße so ist“.
Antwort auf Einwand 1: Nichts hindert daran, dass ein Ding schlechthin über einem anderen steht und in gewisser Hinsicht unter ihm. Nun wird ein Ding als schlechthin über einem anderen stehend erachtet, wenn es dieses in einem Punkt übertrifft, der beiden eigen ist; während es als in gewisser Hinsicht über ihm stehend erachtet wird, wenn es dieses in etwas übertrifft, das beiden akzidentell ist. Nun wurde aus der Natur von Akt und Habitus selbst gezeigt, dass der Akt den Habitus sowohl an Güte als auch an Schlechtigkeit übertrifft. Dass hingegen der Habitus dauerhafter ist als der Akt, ist ihnen akzidentell und rührt daher, dass sie beide in einer Natur gefunden werden, die nicht immer in Tätigkeit sein kann und deren Tätigkeit in einer vorübergehenden Bewegung besteht. Folglich übertrifft der Akt schlechthin an Güte und Schlechtigkeit, der Habitus aber übertrifft in gewisser Hinsicht.
Antwort auf Einwand 2: Ein Habitus ist mehrere Akte, nicht schlechthin, sondern in gewisser Hinsicht, d.h. virtuell. Daher beweist dies nicht, dass der Habitus dem Akt schlechthin vorausgeht, weder in der Güte noch in der Schlechtigkeit.
Antwort auf Einwand 3: Der Habitus verursacht den Akt im Wege der Wirkursächlichkeit: aber der Akt verursacht den Habitus im Wege der Zielursächlichkeit, hinsichtlich derer wir die Natur von Gut und Böse betrachten. Folglich übertrifft der Akt den Habitus sowohl an Güte als auch an Schlechtigkeit.